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Coverbild der Lord, der mit dem Herzen sah

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über das Buch

Nikolas, Baron Boundfield, ist seit einem Unfall blind. Sein Stiefbruder schmiedet mit seiner Frau einen perfiden Plan, um ihn aus dem Weg zu schaffen und auf sein Erbe Anspruch zu erheben. Nikolas’ einziger Ausweg ist die Flucht, aber als er sich völlig allein im Wald wiederfindet, ist sein Leben wieder in Gefahr.
Lady Felicity Windgrove steht nach dem Tod ihrer Eltern unter der Vormundschaft des älteren Bruders. Die Familie will sie zwingen, einen stadtbekannten Spieler und Taugenichts zu heiraten, den Felicity zutiefst verabscheut. Auch sie muss überstürzt fliehen, um ihrem Schicksal zu entrinnen.

»Der Lord, der mit dem Herzen sah« ist ein bewegender Liebesroman im England des 18. Jahrhunderts, im Stil der Regency-Epoche. Begleiten Sie Felicity und Nikolas auf ihrer Odyssee der Unwägbarkeiten, die sie zu einem gemeinsamen Verständnis über die Welt führt: die wirklich wichtigen Dinge sieht man nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen.

Leseprobe von "Der Lord, der mit dem Herzen sah"

Kapitel eins

Boundfield Manor nahe Newbury/Berkshire,
November 1764
Die Tür öffnete sich und jemand kam herein, ohne dass er ein Klopfen gehört hatte. Nikolas war beinahe fertig angekleidet, saß aber noch auf dem hohen Bett und griff hastig nach seinem Stock, der an einen der Pfosten gelehnt war. Er richtete sich kerzengerade auf und drehte sich herum. Nik erkannte Tessa an den leichten Schritten, die durch den Raum kamen, dem raschelnden Seidenstoff und dem unverwechselbaren Duftwasser, das sie in eine süßlich schwere Wolke aus Rosen und Veilchen hüllte.
Ohne Gruß blieb sie vor ihm stehen und Nikolas spürte ihre Hand und die feinen Spitzenvolants ihres Ärmels direkt über seiner an dem Stock.
„Gib ihn mir. Du brauchst ihn hier im Haus nicht. Das ist doch bloß eine Marotte von dir, seit du langsam verrückt wirst.“ Ihre Stimme war laut und schneidend. Sie versuchte, den Stock mit einem Ruck aus seiner Hand zu reißen.
Ärgerlich sprang Nikolas vom Bett hoch, ohne den festen Griff um das Holz zu lockern. Sie stand so dicht vor ihm, dass der weite Reifrock gegen seine Beine drückte und er ihren Atem an seinem Hals fühlte. Er war froh, dass er deutlich größer war und seine Schwägerin um einen Kopf überragte.
Ihre ungebetene Nähe und die übliche aggressive Ausstrahlung stellten seine Nackenhaare auf und er trat einen Schritt zur Seite, um Abstand zu gewinnen. Seine Füße suchten nach den schnallenbesetzten Halbschuhen und schlüpften hinein. Mit der freien Hand griff er nach seiner übrigen Kleidung.
Ein makelloses äußeres Erscheinungsbild war ihm wichtig und er trug sein aristokratisches Auftreten wie einen Schutzschild.
In diesem Augenblick, so unvollständig angezogen und unvorbereitet, fühlte er sich erschreckend verwundbar und Tessas Aggressivität trieb ihn in eine defensive Haltung, die ihm zuwider war.
„Doch, ich brauche den Stock, seit ihr euch darauf verlegt habt, ständig die Möbel umzustellen, sodass ich mich in keinem Raum mehr sicher bewegen kann. Ich bin nicht verrückt und du wirst mir das auch nicht einreden.“ Seine Stimme klang sicherer, als er sich fühlte.
Die Ereignisse der letzten Wochen hatten sein Selbstvertrauen auf eine harte Probe gestellt. Er mochte noch immer nicht wahrhaben, dass sein Stiefbruder und dessen Ehefrau zu solch Niedertracht fähig waren. Allein diese Überlegung ließ ihn tatsächlich an seinem Verstand zweifeln.
„Wir haben gar nichts umgestellt, das bildest du dir ein. Letzte Woche hast du ja sogar behauptet, jemand hätte dich gestoßen, als du beinahe ins Kaminfeuer gestolpert bist. Du kommst einfach nicht mehr allein zurecht.“ Sie zerrte an dem Stock, aber er hielt ihn mit eisernem Griff fest. „Es ist gefährlich, dass du stets versuchst, alles ohne Hilfe zu tun. Du solltest dich von einem Diener führen lassen, anstatt kopflos überall im Haus herumzustolpern.“
Nikolas biss die Zähne zusammen und wandte sich mit einem Schnauben ab. Auch wenn er es niemals zugeben würde, ihre Worte trafen genau seine empfindlichste Stelle.
Seit drei Jahren war er fast vollständig blind und es war noch immer ein täglicher Kampf um jedes kleine Stückchen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Bisher hatte er sich in seinem eigenen Haus recht sicher und frei bewegen können und nur, wenn er das Haus verließ, den langen dünnen Stock benutzt, um sich draußen oder in fremden Gebäuden zurechtzufinden. Sich von einem Diener führen zu lassen, war leider oft nicht zu vermeiden, aber dass er in seinem eigenen Zuhause darauf angewiesen sein sollte – nein.
„Ich komme schon zurecht“, presste er hervor, obwohl er genau wusste, dass ihm die Kontrolle zusehends entglitt. Zu oft überwältigte ihn die Ausweglosigkeit seiner Lage und sein Vorsatz, möglichst viele Dinge des täglichen Lebens ohne Hilfe zu bewältigen, erschien ihm zuweilen selbst absurd.
Er senkte den Kopf und seine Schultern sackten herab. Sein Kampfgeist war in den letzten Monaten einer Bedrückung gewichen und er wünschte sich nur noch, dass Tessa endlich gehen würde.
Als er die Knöpfe an seinem Rock schließen wollte, riss Tessa den Stock aus seiner Hand und verschwand Richtung Tür.
„Ich muss dich vor dir selbst beschützen. Du bist unvernünftig.“
„Nein, lass ihn hier!“ Nikolas fuhr herum und versuchte nach seiner Schwägerin zu greifen, berührte aber den glatten Seidenstoff ihres weiten Ärmels nur mit den Fingerspitzen. Seine Hände zitterten und hastig machte er drei Schritte um das Bett, um dann mit dem Knie schmerzhaft gegen einen Stuhl zu stoßen, der mitten im Weg stand.
Ohne den Stab war er vollkommen verloren in diesem Haus, in dem sich die Möbel angeblich von allein bewegten.
Er hörte das kalte Lachen seiner Schwägerin. „Siehst du, noch nicht einmal in deinem eigenen Schlafzimmer kennst du dich aus. Du wirst verrückt, wie ich es sagte.“
Ohne auf ihre Boshaftigkeit einzugehen, stürzte Nikolas zur Tür und versuchte sie festzuhalten. Er durfte sie mit dem Stock nicht verschwinden lassen.
Ihr Schritt und das Rascheln ihrer aufwändigen Röcke verschwanden in Richtung Treppe, und mit den Fingern an der Wand entlanggleitend, lief er hinterher. „Tessa, ich bitte dich.“
„Bleib besser in deinem Zimmer, Nikolas, hier draußen kann dir wer weiß was passieren.“
Der Hohn in ihrer Stimme drückte ihm die Kehle zu. Von wegen beschützen. Sein Stiefbruder und dessen junge Frau wollten ihn loswerden, um an das Erbe zu kommen, das war ihm völlig klar.
Zum tausendsten Mal verfluchte er seine eigene Hilflosigkeit.
„Gib ihn mir zurück!“ Seine Stimme hatte einen flehenden Ton angenommen, obwohl er selbstsicher hatte klingen wollen. Mit einem tiefen Atemzug riss er sich zusammen und straffte die Schultern.
Ihr würde er niemals seine Schwäche zeigen, gerade ihr nicht.
„Bleib gefälligst stehen!“, donnerte er mit aller Souveränität, die er zusammenkratzen konnte, und in dem Augenblick schien es, als wäre sie tatsächlich stehen geblieben. Sie war jetzt genau vor ihm und als Nikolas einen letzten, viel zu hastigen Schritt nach vorn machte, berührte sein Bein ihren ausladenden Reifrock, seine Hand stieß gegen ihren Oberarm.
Sein Fuß aber trat ins Leere und schlagartig war ihm klar, dass sie an der breiten, geschwungenen Treppe angekommen waren. Er hatte nicht darauf geachtet, wie nahe er den Stufen schon gekommen war, und nun war es zu spät.
Er stolperte nach vorn, griff nach dem Treppengeländer.
Etwas Hartes stieß von hinten seinen Arm weg.
Verzweifelt versuchte er, den rettenden Halt wieder zu fassen, doch er griff ins Leere und fiel erst auf die Knie, um dann wie eine Kugel die gesamte Länge der Treppe hinunterzustürzen.
Keuchend vor Schmerz und Schreck blieb er liegen, den Kopf schützend zwischen die Arme genommen und zusammengerollt wie eine Katze. Erst nach einigen hektischen Atemzügen wurde ihm bewusst, dass er tatsächlich lebendig unten angekommen war.
„Ich habe noch versucht, ihn festzuhalten, aber ich hatte keine Chance“, behauptete Tessa gerade und im nächsten Augenblick hörte Nikolas das Klackern eines Spazierstocks und die Stimme von Doktor Evans, dem Arzt der Familie.
Er kniete sich neben Nikolas und griff nach seinem Arm, doch mit einem wütenden Knurren schlug er die Hand weg. Nikolas wunderte sich darüber, wo der Doktor so schnell hergekommen war.
„Wie konnte das schon wieder passieren? Sie müssen wirklich besser auf ihn achtgeben.“
Sein Bruder Phil, der auch unten gestanden haben musste, fügte noch hinzu: „Ja, das ist bereits das zweite Mal, dass er die Treppe herunterstürzt. Nikolas sollte wirklich nicht mehr allein im Haus herumlaufen.“
Tessa stand jetzt neben ihm. In einem gekünstelt besorgten Ton stellte sie fest: „Es wäre sicherlich besser, ihn endlich nach Bedlam zu schicken. Dort werden sie gut auf ihn achtgeben.“
Er spürte ihre Hand, die ihm über den Kopf strich wie einem Kind, und zuckte zurück.
„Hier ist er ja wirklich eine Gefahr für sich selbst.“
„Nein!“, keuchte Nikolas, während er vor unterdrückter Wut und von dem Schreck des Sturzes inzwischen zitterte. „Ich bin nicht verrückt. Sie darf damit nicht durchkommen. Die beiden wollen mich nur aus dem Weg schaffen, aber Phil hat nicht die geringste Ahnung von der Verwaltung des Besitzes. Was wird dann aus all den Leuten, die von uns abhängig sind und …“
Der Doktor legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Ihr Bruder wird sich schon um alles kümmern, was die Verwaltung angeht und Sie kümmern sich jetzt erst einmal um Ihre Gesundheit. Die emotionale Belastung durch Ihr Leiden übersteigt Ihre Kräfte, denke ich. Sie haben ja bereits selbst angedeutet, dass Sie in letzter Zeit häufiger von Melancholie befallen werden.“
Nikolas schüttelte abwehrend den Kopf. Erschöpft fühlte er sich oft, er schlief schlecht und manchmal neigte er zu Traurigkeit, aber Melancholie war eine Erkrankung des Geistes und das wies er weit von sich. Er schlug den Arm des Doktors weg und rutschte auf dem Boden nach hinten, bis sein Rücken an das Geländer stieß. Er versuchte aufzustehen, und als Phil ihn am Oberarm fasste, stieß er ihn wütend von sich. Doch der Sturz hatte ihn derart durcheinandergeschüttelt, dass er kaum auf die Beine kam und sich mühsam am Geländer hochzog. Außer sich vor Wut über das Komplott, das seine Schwägerin gegen ihn schmiedete, schrie er in ihre Richtung: „Nein, ich werde dieses Haus nicht verlassen. Das könnt ihr nicht mit mir machen. Tessa, gib mir sofort meinen Stock zurück.“
Plötzlich berührte ein Glas seine Lippen. Noch ehe er darüber nachdenken konnte, wurde eine Flüssigkeit in seinen Mund gekippt und er schluckte reflexartig. Er hätte die bittere Flüssigkeit ausspeien wollen – mitten in die Gesichter des verleumderischen Packs. Fluchend und hustend lehnte er am Geländer, während die drei um ihn herumstanden und durcheinanderredeten.
Seine Beine gaben unter ihm nach.
Er hörte noch die Stimme seines Bruders. „Anspannen, wir fahren jetzt sofort los, bevor er wieder aufwacht.“
Dann umfing ihn Dunkelheit.

***

Felicity Windgrove saß in dem weitläufigen Salon ihrer Schwester gegenüber und erwartete ungeduldig, was Lauretta ihr zu sagen hatte.
Diese saß mit durchgedrücktem Rücken majestätisch da und wollte Lissy angeblich den Beschluss der Familie unterbreiten. Wie eine Prinzessin war sie auch wieder einmal gekleidet. Auch wenn sie hier auf dem Land nur bei ihrer Schwester wohnte, war sie stets herausgeputzt, als bewegte sie sich in großer Gesellschaft.
Das mintgrüne Seidenkleid mit den aufwändigen Spitzenverzierungen und aufgestickten Blumen war noch kürzer als ihre übrigen Kleider. Ohne besondere Mühe konnte man sowohl den cremefarbenen Unterrock als auch ihre spitzen hellen Schuhe sehen, was ihre Mutter sicher unschicklich gefunden hätte.
Um Ungebührlichkeiten kümmerte sich Lauretta allerdings wenig. Aufzufallen dagegen war ihr immer schon wichtig gewesen. Daher war auch der Ausschnitt skandalös tief und ihr Brustansatz wurde kaum von der feinen Spitzenumrandung verhüllt. Die Ärmel endeten kurz unter dem Ellenbogen, die am Unterarm herabhängenden Volants des Unterkleides, aus feinster Nadelspitze gefertigt, waren dagegen so lang, dass sie sogar die Hände halb bedeckten. Auch ihre aufwändige Hochsteckfrisur, die mit einem Perlennetz und Seidenblumen geschmückt war, hätte besser auf einen Londoner Ball als in die häusliche Umgebung von Windgrove gepasst.
„Lissy, du bist ganz und gar unlogisch. Benedikt wird so bald nicht vom Kontinent zurückkehren und wir Schwestern können ja auch nicht dauernd auf dich achtgeben. Anna und ich haben jede eine eigene Familie und Anna wird im nächsten Frühling schon ihr zweites Kind bekommen.“ Lauretta schwang in einer allumfassenden Geste ihren Arm und hätte mit dem Spitzenvolant beinahe die Teetasse vom Tisch gefegt. „Jetzt wo Großvater nicht mehr da ist, müssen sich viele Dinge ändern. Du weißt genau, dass du hier nicht allein wohnen kannst, und bis Benedikt endlich erklärt, was er selbst für seine Zukunft plant, werden wir Windgrove House schließen.“
Lissy schnaubte abfällig und starrte in das Kaminfeuer, das dem kühlen Morgen kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Natürlich hatte sie niemand gefragt, ob sie das Haus, in dem sie aufgewachsen war, einfach so aufgeben wollte. Natürlich war sie als jüngste Schwester nicht mehr als ein Möbelstück, das man nach Bedarf hin und her schob und das gefälligst keine eigene Meinung hatte.
Unbeirrt fuhr ihre Schwester fort. „Bis zum Anfang des neuen Jahres wird mein Rufus sich noch um alles hier kümmern, dann ist Schluss damit, und bis dahin musst du unter der Haube sein, meine Liebe. Auch du wirst das Thema Heirat nicht bis in alle Ewigkeit hinausschieben können. Nach drei Saisons in London mit nur einem ernsthaften Verehrer sehe ich für dich nicht mehr viele Möglichkeiten.“
Lissy sprang von dem zierlichen dunkelblauen Sofa auf und stellte sich mit in die Hüften gestemmten Fäusten vor den Kamin, während Lauretta mit einem herablassenden Gesichtsausdruck und hochgerecktem Kinn auf der Vorderkante des Polstersessels sitzen blieb. Irgendwie schaffte ihre ältere Schwester es, auf sie herabzublicken, ohne dass sie dazu aufstehen musste.
Ihre große, blonde Schwester, die wie alle in der Familie hochgewachsen und ausgesprochen schön war. Eigentlich hatte sie es überhaupt nicht nötig, sich so übermäßig herauszuputzen, denn schon Laurettas natürliche Anmut versetzte die Männer in Verzückung.
Anders als sie selbst.
Schon oft hatte sie sich gefragt, ob ihre Eltern sie vielleicht angenommen hatten, so wenig passte ihre äußere Erscheinung in diese Familie. Aber dann war da ihr geliebter Großvater, dem sie sowohl äußerlich als auch vom Charakter her ähnlicher war als allen anderen.
Als hätte Lauretta ihre Gedanken gelesen, fuhr sie fort. „Sieh dich doch an. Natürlich bist du nicht hässlich, aber … klein, rundlich – und mit diesem wilden braunen Besen auf dem Kopf entsprichst du wirklich nicht dem Schönheitsideal in London.“
Die Herablassung in Laurettas Stimme schnürte Lissy die Kehle zu, denn sie war sich ihrer bescheidenen Erscheinung durchaus bewusst. Andererseits hatte sie sich auch nie so viel aus ausgefallenen Kleidern und kunstvollen Frisuren gemacht wie ihre beiden Schwestern.
Aber Lauretta – mit der ihr eigenen Überheblichkeit – ließ eine Flamme der Empörung in Lissy auflodern und trieb ihr die Hitze ins Gesicht. Sie holte Luft für eine scharfe Antwort, doch Lauretta wischte mit einer herrischen Handbewegung jede Erwiderung beiseite.
„Vielleicht hättest du mit gutem Benehmen und irgendwelchen inneren Werten noch etwas gutmachen können, aber sobald du in Gesellschaft zum Gespräch beitragen willst, blamierst du dich. Erst kürzlich musstest du den armen Lord Gilton so vor den Kopf stoßen.“
Inzwischen war Laurettas Stimme recht laut geworden, aber es war Lissy gleich, ob alle Bediensteten ihren Streit hörten. Es war immer wieder der gleiche Disput und es wurde ohnehin schon in der Dienerschaft darüber geredet.
Sie warf in einer hilflosen Geste die Hände hoch und versuchte es ihrer Schwester noch einmal zu erklären. „Er hat sich ständig aufgedrängt und mit seinen feuchten Grabschern meine Finger nach dem Handkuss gar nicht mehr loslassen wollen. Bei jeder Gelegenheit hat er viel zu nah bei mir gestanden.“
Lauretta schüttelte den Kopf und meinte beinahe mitleidig: „Ach Lissy, du bist ja selbst schuld, dass dir niemand einen Antrag macht, denn mit einer Ehefrau, die jeden brüskiert, kann sich kein Mann in der Gesellschaft sehen lassen.“
„Aber er riecht, als ob er die Erfindung des Badezubers verpasst hätte. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste mich übergeben. Es war reine Notwehr, dass ich ihm empfohlen habe, sich für eine Weile in den Regen zu stellen.“
Angewidert schüttelte sie den Kopf. Diese Vorstellung, dass Baden gesundheitsschädlich wäre, war doch nun wirklich aus dem vorigen Jahrhundert.
Wieder wischte Lauretta ihren Einwand einfach zur Seite. „Nicht alle Menschen sind so sehr von den Vorzügen des regelmäßigen Badens überzeugt wie du, meine Liebe. Das kannst du nicht jedem vorhalten. Zugegeben, Lord Gilton riecht etwas strenger als die meisten, aber eine geschickte Ehefrau wird das mit der Zeit ändern können.“
Lissy wandte sich zum Kamin um, damit ihre Schwester die Tränen nicht sah, die ihr die Entmutigung in die Augen trieb. Sie würde ohnehin nicht mehr nach London zurückkehren, und damit waren auch die Diskussion um ihr Auftreten in der Gesellschaft und die Beleidigung von Lord Gilton völlig überflüssig. Sie kämpfte um Selbstbeherrschung, während ihre Schwester unbeirrt weiterredete.
„Immerhin hat er dir recht regelmäßig seine Aufwartung gemacht, auch wenn du ihn nie empfangen hast. Es nützt ja nichts, du wirst heiraten müssen, meine liebe Schwester. Wenn sich nicht plötzlich noch ein anderer Verehrer findet, und das halte ich für sehr unwahrscheinlich, wirst du genau diesen Lord Gilton heiraten.“
Lissy schnappte nach Luft und fuhr herum. Das durfte nicht wahr sein. Ihr Mund öffnete sich, doch jede Erwiderung blieb ihr im Hals stecken.
Lauretta sah sie nicht einmal an und wedelte wieder mit der Hand in ihre Richtung. Die Teetasse klapperte gefährlich, während die Worte an Lissy vorbeirauschten.
„Ich weiß wirklich nicht, was ihn dazu bewegt, dich trotz deiner offensichtlichen Unzulänglichkeiten haben zu wollen. Es ist ein Glücksfall, denn er ist nun einmal der einzige unter den Gentlemen, der sich überhaupt um dich bemüht hat. Seine Herkunft ist standesgemäß, und auch wenn er außer dem Titel nichts hat, ist er eine respektable Partie.“ Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck schüttelte ihre Schwester den Kopf und Lissy kam es so vor, dass sie eher Lord Gilton bemitleidete als sie selbst.
Schließlich fand Lissy ihre Stimme wieder und fuhr Lauretta an. „Du weißt genau, warum er um mich anhält. Er ist hoch verschuldet und hat die Sache mit Großvaters Vermögen herausgefunden, wie auch immer er das angestellt hat. Er will mich überhaupt nicht, aber er braucht das Geld nötig genug, um mich deswegen zu ertragen. Ganz gleich wie sehr ich ihn beleidige, er kann gar nicht anders.“
Lauretta sprang auf und ihre Stimme wurde noch eine Spur lauter. „Ja, du bist selbst schuld. Was machst du auch so ein Geheimnis darum. Die magere Mitgift von unserem Papa wird die Männer nicht Schlange stehen lassen und von deinen fehlenden Vorzügen in jeder anderen Hinsicht haben wir ja ausreichend gesprochen. Wenn du endlich offen sagen würdest, wie reich du in Wirklichkeit bist, hättest du zehn Männer an jedem Finger, die sich um dich reißen würden.“
„Nein, Lauretta, nicht um mich würden sie sich reißen, sondern um Großvaters Erbe. Ich werde keinen Mann heiraten, der mich nicht zumindest respektiert und schätzt. Ich werde nicht enden wie Mutter, bitter und hart, zu keinem warmen Gefühl mehr fähig nach der Demütigung und dem Schmerz in all den Jahren, in denen Vater …“ Sie schlug die Hand vor den Mund in ihrem Unvermögen, das Verhalten ihres Vaters zu beschreiben, ohne anstößige Worte zu benutzen. „… wie er sich eben benommen hat.“ Mit bauschenden Röcken ließ sie sich wieder auf das zierliche Sofa fallen und fuhr wesentlich leiser fort. „Ich will um meiner selbst willen geheiratet werden, nicht wegen des Geldes, aber das weißt du ganz genau.“
Lauretta lachte schrill und schüttelte den Kopf, sodass ihre wohlgeordneten goldenen Locken durcheinandergerieten.
„Um deiner selbst willen. Kindchen, schau ab und an mal in den Spiegel. Du wirst nach dem Jahreswechsel heiraten und das ist das Ende dieser Unterhaltung.“ Damit rauschte sie aus dem Salon und ließ Lissy wütend und enttäuscht zurück.
Sie konnten sie nicht zwingen, Lord Gilton zu heiraten, oder doch? Wenn doch nur ihr Bruder Benedikt schon zurück wäre, dann wäre alles so viel einfacher.
Mit Ben hatte sie sich immer schon gut verstanden und er würde auch begreifen, dass sie nicht den Rest ihres Lebens mit so einem furchtbaren Kerl verbringen könnte.
Von Liebe hatte sie als junges Mädchen geträumt, aber nach drei Saisons in London, ohne einen einzigen wirklich interessanten Mann kennenzulernen, fand sie sich mit den Gegebenheiten ab. Nicht dass es keine ansprechenden Gentlemen gegeben hätte, einen insbesondere, aber der war absolut unerreichbar und sie hatte ihn nur aus der Entfernung bewundert. Aber sie würde lieber allein bleiben, als diesen Mister Gilton oder einen anderen Geldhai zu nehmen. Benedikt würde das verstehen, aber würde er ihr auch helfen?
Seit ihre Eltern tot waren, hatte ihr Großvater sich um alles gekümmert. Er war der Vater von Lissys Mutter und hatte seinen Besitz und sämtliche Verantwortung für die Schifffahrtsgesellschaft schon lange an seinen einzigen Sohn abgetreten. Sein Sohn Mithras war sehr viel jünger als Lissys Mutter Minerva und noch unverheiratet. Daher hätte ihre Mutter die Aufgabe übernehmen sollen, ihren Vater John Redgrave gesund zu pflegen, nachdem er schwer verletzt und blind aus dem Krieg zurückgekehrt war. Hätte sie sollen. Allerdings hielten Lissys Mutter und ihr Mann sich nie lange auf Windgrove auf und hatten ihren Vater und die Kinder nur zu gern den größten Teil des Jahres hier zurückgelassen.
So hatte es sich ergeben, dass der Großvater mit seinen Enkeln hier zusammenlebte. Der gräfliche Besitz und der fröhliche Haufen aus vier Kindern war für den Kriegsveteranen eine echte Herausforderung. Er hatte sich dieser Aufgabe gestellt und damit keine Zeit gefunden, sich wegen der Blindheit und seinen übrigen Verletzungen zurückzuziehen. Sogar die Einführung von Ben und den Mädchen in die Gesellschaft hatte er begleitet und war dazu mehrere Jahre lang im Winter mit den anderen nach London gereist.
Aber nun war auch Großvater nicht mehr da. Vor zwei Monaten war er morgens einfach nicht mehr aufgewacht. Lissy konnte es noch immer nicht wirklich fassen, dass er so sang- und klanglos gegangen war.
Am Abend hatten sie noch gemeinsam gegessen. Er hatte sich ungewöhnlich früh zurückgezogen, während Lissy im Salon noch gelesen hatte. Morgens stellte der Kammerdiener dann fest, dass der alte Herr friedlich eingeschlafen war.
Heftig blinzelnd versuchte Lissy, die Tränen zu unterdrücken, als sie an den schrecklichen Morgen zurückdachte, aber es gelang ihr nicht. Hastig wischte sie die verräterische Feuchtigkeit fort. Großvater hatte ihr immer gesagt, was für ein starkes Naturell sie habe. Er würde wollen, dass sie nach vorn blickte und sich der Zukunft stellte.
Benedikt hatte zwar den Titel und alle damit verbundenen Rechte und Pflichten von Vater geerbt, glänzte aber durch Abwesenheit und kam den Aufgaben, die das Erbe mit sich brachte, nicht nach. Er war jetzt das Familienoberhaupt und nur er könnte bestimmen, ob und wen sie heiraten müsste, wenn er sich denn endlich darum kümmern würde.
Mit geballten Fäusten saß sie vor dem Feuer und war froh über ihre Entscheidung, sich in dieser Saison das Spießrutenlaufen in den Ballsälen zu ersparen. Immerhin war ihr geliebter Großvater erst vor Kurzem gestorben. Auch wenn für Großeltern nicht zwangsläufig eine Trauerzeit eingehalten werden musste, konnte Lissy sich nicht vorstellen, von einem Ball zum nächsten zu eilen, nachdem der Mensch, den sie von allen am meisten geliebt hatte, nun nicht mehr da war. Sie sollten ruhig alle nach London gehen für die Saison. Sie selbst würde einfach über den Winter hierbleiben und alles in Ordnung halten. Es gab wirklich genug zu tun.
Dieser Lord Rufus Crutchley, der Mann ihrer Schwester, kümmerte sich einen feuchten Kehricht um den Besitz, da es ja nicht sein eigener war, und der Verwalter war zu vorsichtig, um eigenmächtig zu handeln. Seit zwei Monaten traf niemand mehr überhaupt Entscheidungen und weder die Hilfsgesuche von den Landarbeitern, deren Häuser Renovierungen nötig hatten, noch die Fragen wegen dem Kauf von Tieren oder Saatgut wurden beantwortet.
Sie stützte den Kopf in die Hände und starrte deprimiert in die Flammen. Wie sehr sie Großvater vermisste, wurde ihr jeden Tag mehr bewusst. Zusammen mit Großtante Genevieve und Großvater John hatte sie auch nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern ein schönes Zuhause auf Windgrove gehabt. Nachdem ihre beiden älteren Schwestern geheiratet hatten und weggegangen waren, war es für sie drei ruhig und beschaulich zugegangen auf dem großen Anwesen. Nur die endlos lange Reise von Benedikt nach Frankreich war ein Wermutstropfen, und es war offen, wann er wohl zurückkehren würde.
Sie seufzte laut, denn es war ja ohnehin niemand mehr im Raum. Heute würde sie noch einen Brief an Ben schreiben und ihm von Laurettas Plänen berichten. Vielleicht würde er zu ihrer Rettung zurückkehren, sehr wahrscheinlich erschien ihr das aber nicht. Schließlich war er auch zu Großvaters Beerdigung nicht gekommen.
Gott sei Dank lag Laurettas Ultimatum erst im Anfang des nächsten Jahres, aber länger als bis zum Januar würde sie die fürchterliche Angelegenheit nicht hinauszögern können. Aus sicherer Quelle wusste sie, dass Lord Gilton bis über beide Ohren verschuldet war, und sie fragte sich, wie er bis dahin seine Gläubiger überhaupt noch in Schach halten könnte, aber das war nicht ihr Problem.
Noch nicht.

***

Nur langsam kam Nikolas wieder zu sich und spürte, wie die Kutsche in halsbrecherischem Tempo über die Straße rumpelte. Wieder verfluchte er den Tag, an dem er kopflos in den brennenden Stall gestürzt war, um sein Lieblingspferd zu retten. Dieser Tag hatte sein Schicksal besiegelt, auch wenn er von Glück sagen konnte, dass er überhaupt lebendig und ohne größere Verbrennungen aus den Flammen gerettet wurde, hatte er zu viel verloren.
Nach der langen Bewusstlosigkeit konnte er sich an die Ereignisse im Stall nicht mehr erinnern. Aber als er die Augen wieder aufgeschlagen hatte, hatte er nur noch dunkles Grau gesehen. Niemand konnte erklären, warum. Zwar hatte er eine schwere Verletzung am Hinterkopf davongetragen, aber die Ärzte hatten nur mit den Schultern gezuckt und erklärt, dass diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun hatten. Allerdings hatten sie ihm Hoffnung gemacht, dass sich sein Zustand wieder verbessern könnte, aber je länger er andauerte, desto geringer wurden die Chancen.
In den drei Jahren, die seit dem Unfall vergangen waren, hatte er mit der Unterstützung seines Vaters viel erreicht und war wieder relativ unabhängig geworden.
Sein Sekretär Hutchingson, der auch schon für seinen Vater gearbeitet hatte, war ihm eine wertvolle Hilfe bei der Verwaltung des Besitzes und als Vater im vorigen Jahr gestorben war, liefen die Dinge reibungslos weiter wie gewohnt.
Er war ein wenig stolz darauf, dass er trotz allem die Angelegenheiten der Grafschaft problemlos weiterführen konnte. Auch wenn er bei den Besuchen der Pächter manchmal das seltsame Gefühl hatte, sie würden ausschließlich mit Hutchingson sprechen und ihn selbst nicht ganz für voll nehmen.
Obwohl sein Vater sonst sehr distanziert und kühl gewesen war, hatte er immer an ihn geglaubt und ihn nach dem folgenschweren Unfall aus seiner tiefen Melancholie gezogen.
In den ersten Monaten hatte Nikolas seinen Vater dafür gehasst, dass er jeden Tag in seinem Zimmer gestanden und darauf bestanden hatte, dass er mit dem Stock übte, dass er lernte zu essen, ohne zu sehen, was er tat, sich wieder allein anzukleiden, ohne die Hilfe eines Kammerdieners. Es hatte lange gedauert, bis er die Bemühungen seines Vaters schätzen gelernt und ihn sogar die beiden Winter über nach London begleitet hatte. Sein Vater hatte am Tage seine Aufgaben im House of Lords erfüllt und an den Abenden hatte er ihn zu allen gesellschaftlichen Anlässen mitgeschleppt, anfangs auch trotz seines energischen Protestes.
Er hatte nicht wieder in der sogenannten guten Gesellschaft verkehren wollen und hatte regelrecht Angst davor gehabt, wie ein Ausstellungsstück herumgezeigt zu werden.
Aber dann war alles nur halb so schlimm gewesen wie erwartet. Zwar hatten sich viele seiner ehemaligen Freunde zurückgezogen und hatten nichts mit dem neuen, blinden Nik anzufangen gewusst. Einige hatten sich aber als taktvolle Begleiter und wirkliche Freunde erwiesen, sodass er sogar am gesellschaftlichen Leben wieder Spaß gefunden hatte.
Natürlich hatte er auf den Bällen nicht mehr getanzt und auch das Kartenspiel war passé, aber dieses Laster hatte er am wenigsten vermisst.
Das Geräusch der Räder veränderte sich, als sie von dem Weg auf eine gepflasterte Straße fuhren, und er setzte sich auf, um zu ergründen, ob sie jetzt in ein Dorf kämen.
Ihm war klar, wohin diese Fahrt führte. Es war der Weg ohne Wiederkehr, zumindest sollte er das werden.
Phil und seine Ehefrau Tessa hatten es nun endlich geschafft. Doktor Evans war überzeugt, dass er den Verstand verloren hatte und nach Bedlam gebracht werden musste.
Nik hatte schon genug von der Irrenanstalt gleich außerhalb von London gehört, um zu wissen, dass er lieber tot sein wollte, als dort hingebracht zu werden. Nachdem Phil zum ersten Mal von Bedlam gesprochen hatte, hatte sein Sekretär eine Veröffentlichung von Doktor Monroe, dem derzeitigen Leiter der Anstalt, mitgebracht und sie ihm vorgelesen.
Der Doktor betrachtete Geisteskrankheit als eine Verunreinigung der Seele, von der der Mensch durch eiskalte Bäder, Aderlass sowie Fasten und die Gabe von Brech- und Abführmitteln gereinigt werden müsste. Sollte das nicht genügen, würden auch sogenannte körperliche Zwangsmittel angewendet. Falls der Patient diese grausame Behandlung nicht überlebte, so war er eben unheilbar.
Schon allein die Vorstellung davon jagte Nikolas einen kalten Schauer über den Rücken. Außerdem hatte er durch einen Freund aus London bereits vor einigen Jahren von dessen Cousin gehört, der wegen schwerer Melancholie nach Bedlam eingeliefert worden war. Ein halbes Jahr später hatten die Ärzte den Mann als vollkommen abgemagertes, seelisches Wrack entlassen und wieder zur Familie zurückgeschickt. Wie sein Freund erzählt hatte, war sein Cousin danach kaum noch ansprechbar, zuckte bei jeder Berührung zusammen und starrte nur noch stumpf ins Leere.
Nun saß Nikolas in dieser vermaledeiten Kutsche und sollte dort hingebracht werden. Grauen kroch sein Rückgrat hinauf.
Die Reste des Laudanums, das sie ihm eingeflößt hatten, wirkten noch nach. Sein Körper war schwer, obwohl seine Gedanken sich bereits wieder klärten. Er stellte sich vor, wie dieses lähmende Gefühl von nun an seine Tage bestimmen würde. Nein, er musste fliehen, jetzt sofort.
Er fuhr hoch und mit einer Hand griff er nach der Tür. In seiner fahrigen Bewegung stieß er hart gegen die Wand der Kutsche und der Schmerz brachte ihn wieder zur Besinnung.
Er durfte nicht in Panik geraten, musste vernünftig über seine Situation nachdenken und einen Plan machen. Einen guten Plan.
Wahrscheinlich würden sie London erst am Abend erreichen, denn Boundfield Manor lag fast eine ganze Tagesreise westlich davon.
Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Wie weit waren sie bisher gekommen? Irgendwo würden sie die Pferde wechseln müssen – normalerweise zweimal auf dem Weg in die Stadt. Oder hatten sie das bereits getan?
Die Kutsche wurde langsamer und hielt schließlich an. Er beschloss, sich weiter ohnmächtig zu stellen, und lauschte. Sie waren an einer Poststation und der Kutscher rief den Stallburschen bereits Anweisungen zu, als der Schlag entriegelt und gleich wieder zugeworfen wurde.
„Der schläft immer noch, ich gehe hinein und esse etwas, dann können wir weiter“, hörte er Phil dem Kutscher zurufen.
„Jawohl Sir“, kam aus größerer Entfernung, wahrscheinlich von weiter vorn bei den Pferden. Dann gingen feste Schritte in die Richtung, in der das Gasthaus sein musste.
Probeweise bewegte Nikolas Arme und Beine und stellte fest, dass von dem Sturz zwar sein Körper schmerzte, aber anscheinend nichts ernsthaft verletzt war. Sein Magen knurrte bei dem Geruch nach gebratenem Fleisch, der aus der Schankstube herüberwehte, denn er hatte ja den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen.
Aber dafür war jetzt keine Zeit. Dies war seine einzige Chance, auch wenn sie noch so lächerlich gering schien. Er musste sofort aus der Kutsche verschwinden, hoffend, dass der Kutscher gerade nicht in seine Richtung sehen würde und dass er sich irgendwie verstecken könnte. Für weitere Pläne war keine Zeit mehr. Zuerst einmal musste er nur von seinem Bruder und dieser Kutsche wegkommen.
Entschlossen holte er Luft und straffte seinen Rücken. Nein, er war nicht verrückt, auch wenn seine neuen Lebensumstände ihn manchmal so sehr niederdrückten, dass es ihm die Luft zum Atmen nahm. Das waren die Folgen seines Unfalls und nicht eine Geisteskrankheit. Außerdem hatten sie seine Blindheit ausgenutzt, um ihn selbst glauben zu lassen, er wäre nicht mehr ganz bei Sinnen, aber nach Bedlam würden sie ihn nicht bringen. Er wusste, dass er sich auf seine übrigen Sinne verlassen konnte, und auch wenn schon der Gedanke an eine Flucht ins Unbekannte ohne den Taststock seine Hände zittern ließ, war das seine einzige Möglichkeit.
Entschlossen und konzentriert streckte er seine Hand zur Tür. Dieses Mal fand er den Griff und drückte ihn herunter. Er fand zielsicher mit dem Fuß die Stufe und stieg aus. Dann schloss er sorgfältig die Tür wieder und hoffte, dass sein Bruder weiterfahren würde, ohne noch einmal in die Kutsche zu sehen. Er drehte sich um, ordnete anhand der Geräusche noch einmal die Lage des Weges und der Gebäude, um sich dann in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung zu setzen.
Schon nach wenigen Schritten fanden seine Füße einen flachen Graben, den er vorsichtig überquerte. Auf der anderen Seite waren niedrige Sträucher. Sein langer Reiseumhang verfing sich in den Ästen und beim Losmachen vernahm er ein reißendes Geräusch. Hastig zwängte er sich weiter zwischen dem Buschwerk hindurch und brach währenddessen einen langen Stecken ab. Natürlich war der weder lang genug noch so kräftig wie sein Taststock, aber immerhin konnte er, indem er ihn vor sich her schwenkte, vermeiden, gegen große Objekte zu laufen. Davon gab es viele, denn gleich hinter dem Gebüsch begann offensichtlich ein Wald.
Vorsichtig, aber so schnell er konnte, tastete er sich voran und hoffte, dass man ihn schon bald vom Weg aus nicht mehr sehen könnte. Erst als er keinerlei Geräusche von Menschen oder Fahrzeugen mehr vernahm und nur noch das Singen der Vögel und das Geräusch seiner eigenen Schritte zu hören waren, ließ er sich mit dem Rücken an einem Stamm hinabgleiten bis auf den laubbedeckten Boden. Sein Magen knurrte wieder vernehmlich und zog schmerzhaft. Außerdem machten die Nachwirkungen des Betäubungsmittels ihn benommen und die Schwere strömte noch immer durch seinen Körper.
Die Sonne hatte sich einen Weg durch das Blätterdach gesucht und wärmte ihn trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit. Je länger er so dasaß, desto müder wurde er, also beschloss er widerwillig, eine kurze Rast einzulegen. Er wollte sich ausruhen, bis das Gift endgültig seine Wirkung verloren hätte, und dann wieder zum Weg zurückgehen, um irgendjemanden um Hilfe zu bitten. Bis dahin wäre Phils Kutsche hoffentlich weitergefahren, ohne dass sein Fehlen bemerkt würde.

Seine Gedanken glitten zurück zu seinem Stiefbruder und der Idee, ihn überhaupt auf Boundfield wohnen zu lassen. Seit sein Vater nicht mehr lebte, hatte er ganz allein mit den Angestellten in dem riesigen Haus gelebt. Es war still und einsam geworden und er hatte den grummeligen alten Herrn vermisst. Lange hatte er versucht, sich mit Arbeit in seinem Büro davon abzulenken, aber bald hatte er Sehnsucht nach anderer Gesellschaft bekommen als seinem Sekretär und seinem Butler.
Phil war zwar nur sein Stiefbruder und daher nicht wirklich mit ihm verwandt, aber er war der Letzte, den man noch irgendwie als Familienangehörigen bezeichnen konnte.
Schon als sie Kinder waren, hatte es ständig Rivalität und Rangeleien zwischen ihnen gegeben, doch dann war er nach Eton gegangen und Phil nach Harrow und sie hatten sich lange nicht mehr gesehen.
Phil hatte nach der Schulzeit das Londoner Leben in vollen Zügen genossen, war aber dabei seinem Stiefbruder aus dem Weg gegangen. Nik hatte mit seinem Vater die angesehenen Herrenclubs besucht und war auf Bällen und anderen Veranstaltungen der heimliche Schwarm vieler Debütantinnen gewesen.
Nach dem Unfall war das natürlich alles vorbei, aber die kichernden jungen Dinger, die sich für nichts weiter interessierten als hübsche Komplimente und seichtes Geplauder, vermisste er nicht wirklich.
Im vorigen Jahr hatte sein Stiefbruder Tessa kennengelernt und sehr schnell geheiratet. Schon bald nach der Hochzeit hatte Tessa begonnen, vom Landleben zu schwärmen, und hatte aus London wegziehen wollen. Da war es nur selbstverständlich gewesen, dass Nik den beiden angeboten hatte, zu ihm nach Boundfield Manor zu kommen. Er hatte gehofft, dass Phil erwachsener geworden wäre und zusammen mit seiner jungen Frau eine Familie gründen würde. Insgeheim hatte er sich darauf gefreut, vielleicht bald Onkel zu werden, und dass mit seinem Bruder und dessen Frau wieder mehr Leben in das alte Gemäuer einziehen würde.
Aber seit Phil mit Tessa vor drei Monaten nach Boundfield Manor gekommen war, ging alles bergab und die erhoffte Gesellschaft der beiden hatte sich als große Katastrophe erwiesen. Innerhalb weniger Wochen war es ihnen gelungen, Nik in ein nervliches Wrack zu verwandeln.
Schon immer hatte sein Halbbruder ihm das Erbe geneidet, da sein eigener Vater ihm nicht viel hinterlassen hatte. Schon damals, nachdem Nik das Erbe angetreten hatte, war Phil unerwartet auf Boundfield Manor aufgetaucht. Er hatte dem Anwalt der Familie einen Besuch abgestattet und versucht, Nik aufgrund seiner Blindheit für ungeeignet erklären zu lassen, das Erbe weiterzuführen. Als er damit nicht durchkam, war er sang- und klanglos wieder verschwunden.
Nik hatte sich der Hoffnung hingegeben, den alten Zwist beilegen zu können, indem er dem Paar Haus und Herz öffnete.
Tessa sah die Sache offenbar ganz anders. Vom Tag des Einzuges an hatte sie nichts anderes im Sinn gehabt, als ihm im wahrsten Wortsinne den Verstand zu rauben. Zuerst waren es nur Kleinigkeiten gewesen. Sie war leise in den Raum geschlichen und hatte auf seine Frage, wer da war, nicht geantwortet. Bald hatte er begonnen, an seinen verbliebenen Sinnen zu zweifeln. War wirklich jemand mit ihm im Zimmer oder bildete er sich das nur ein?
Sie hatte begonnen Dinge umzustellen oder zu entfernen. Er hatte den Schürhaken für das Feuer nicht mehr gefunden, der Tisch mit den Getränken hatte einen Schritt weiter rechts gestanden, die Sitzgelegenheiten in der Bibliothek und die Stühle im Speisezimmer waren anders angeordnet gewesen.
Auf Nachfrage hatten beide stets behauptet, alles wäre wie immer und er würde sich das alles nur einbilden. Es hatte nicht lange gedauert und er hatte auch im Haus wieder seinen langen Stock benutzen müssen, um nicht ständig irgendetwas umzustoßen.
Auch mit dem Arzt der Familie hatte er vertrauensvoll darüber gesprochen, dass er sich selbst seines Verstandes nicht mehr ganz sicher war. Dann begannen die Angriffe. Aus heiterem Himmel war er gestoßen worden, sodass er der Länge nach hinabgestürzt war. Einmal war er beinahe in den Kamin gefallen, einmal war er nach einem Stoß haltlos die Treppe hinuntergestürzt und es war ein Wunder, dass er sich nicht die Knochen gebrochen hatte.
Mit dem erneuten Sturz heute früh hatte Tessa den Doktor nun endlich überzeugt. Das war das Ziel seines Bruders gewesen – das wusste Nikolas. Schon vor zwei Wochen hatte er selbst mit Doktor Evans darüber gesprochen, dass er aufgrund der Vorfälle an seinem eigenen Verstand zweifelte. Schon da hatte der Doktor davon gesprochen, dass er sich in ein Sanatorium zurückziehen solle, um sich von den Strapazen zu erholen.
Nikolas hätte seinen Stiefbruder sofort hinauswerfen sollen, als er erkannt hatte, was er dem Doktor in den Mund gelegt hatte. Aber den Moment hatte er verpasst, denn er wollte durch eine solche überstürzt wirkende Handlung den Eindruck, dass er verrückt wäre, nicht weiter verstärken.
Er hatte gehofft, dass alles mit der Zeit besser zu durchschauen wäre, und hatte auf einen geeigneten Zeitpunkt gewartet, seinen Bruder zur Rede zu stellen. Zu lange.
Wenn er weggesperrt würde, könnte Phil das Erbe an sich reißen und hätte endlich genug Geld, um mit seinem Schwager Cedrik wieder an Londons Spieltische zurückzukehren. Was seine Frau sich von diesem Schachzug erhoffte, war Nik nicht ganz klar. Möglicherweise war es der Titel, den sie begehrte.
Über die Gedanken musste Nikolas irgendwann eingeschlafen sein und als er wieder erwachte, fror er erbärmlich und seine Kleidung war feucht. Die Geräusche und auch der Geruch des Waldes hatten sich verändert. Im hellen Sonnenschein konnte er immerhin noch vage Licht und Schatten von einander unterscheiden, aber jetzt war es einfach nur dunkel.
Angespannt richtete er sich auf und versuchte sich daran zu erinnern, aus welcher Richtung er gekommen war. Nichts, es gab keinen Hinweis. Da er im Schlaf zur Seite weggerutscht war, konnte er auch nicht mehr sagen, auf welcher Seite des Baums er zuvor gesessen hatte. Er untersuchte den Boden mit den vor Kälte zitternden Händen, und als er einen zerdrückten Bereich direkt neben dem Stamm fand, seufzte er erleichtert auf. Wenn er nun in diese Richtung zurückginge, würde er vielleicht nicht auf die Poststation, aber zumindest auf den Weg treffen.
Mit einigen tiefen Atemzügen versuchte er, seinen hektischen Herzschlag zu beruhigen, und stand auf. Dann ging er langsam, den Stock vor sich her schwenkend, in die Richtung, in der er den Weg vermutete. Schon nach wenigen Metern stolperte er über eine Wurzel und fiel auf Hände und Knie. Sein Herz raste und keuchend richtete er sich wieder auf.
Nein, er konnte es sich nicht erlauben, in Panik zu verfallen. Wenn er nur in dieser Richtung weiterginge, würde er auf den Weg treffen und früher oder später jemanden finden, der ihm weiterhelfen würde. Jetzt war er auf sich gestellt und er wusste, dass er es schaffen konnte, schaffen musste.
Vorsichtig bewegte er sich weiter und konzentrierte sich auf seine Umgebung. Die Bewegung würde ihn auch wieder aufwärmen, hoffte er, während er die Zähne zusammenbiss, um nicht damit zu klappern.
Als er einige Sträucher erreichte, die einigermaßen gerade Äste besaßen, brach er einen zweiten, längeren Stock ab und damit fühlte er sich sofort ein wenig sicherer.
Vor ihm tauchte Astwerk auf, das er zur Seite bog, um sich hindurchzuzwängen. Er spürte, wie es aus seiner Hand glitt und in sein Gesicht schlug. Es brannte heiß an seiner Wange und er griff unvermittelt mit den Fingern in die Flüssigkeit, die ihren Weg hin zu seinem Kragen suchte.
Was hatte er sich nur dabei gedacht, so tief in den Wald hinein zu laufen? Er hätte viel näher beim Weg bleiben müssen, aber diese Erkenntnis half ihm jetzt auch nicht mehr. Den kürzeren der beiden Stöcke hielt er also zum Schutz vor Ästen quer vor sein Gesicht, während er mit dem längeren Stecken versuchte, den Boden zu ertasten.
Aus irgendeiner Ecke seines Selbst kratzte er die verbliebene Kraft zusammen und ging zögerlich weiter, inständig darauf hoffend, dass er Stimmen, Hufschlag oder sonst irgendein Geräusch vernehmen würde, das menschliche Nähe verriet.

Kapitel zwei

Ihre hellbraune Stute Fleur war bereits fertig, als Lissy am Nachmittag in den Stall kam, um zu den Landarbeiterhäusern zu reiten. Sie würde sich selbst alles ansehen und dann besprechen, welche Arbeiten nach Ansicht des Schreiners notwendig waren und welches Material dazu benötigt wurde.
Ihr weites hellbraunes Reitkleid verbarg geschickt die Tatsache, dass sie nicht im Damensattel ritt. Es war ein Meisterwerk der Schneiderin, das zweiteilig wie eine Hose geschnitten war, aber, wenn man nicht im Sattel saß, wie ein ordentliches Kleid aussah. Sie trug auf den Hüften zweigeteilte Poschen, durch die der Stoff weit aufgebauscht wurde, sodass es fast wie ein richtiger Reifrock wirkte, zugleich aber viel bequemer war. Das lange Cape, das sie zum Reiten darüber trug, war am Kragen und an den Armausschnitten mit Pelz besetzt. Im Winter oder bei schlechtem Wetter war es angenehm, und wenn ihr bei schnelleren Ritten zu warm wurde, konnte sie es einfach über die Schultern zurückschlagen.
Von dem Aufsteigblock vor dem Stall konnte sie ohne Hilfe eines Stallburschen in den Sattel gelangen, denn sie zog es vor, ohne Begleitung auszureiten. Auch wenn es als unschicklich galt, allein unterwegs zu sein, hatte sie sich schon als Mädchen mit ihrem Pferd stets ohne Begleitung davongeschlichen. Ihr Großvater hatte immer großzügig darüber hinweggesehen und ihr den Freiheitsdrang gelassen. Nun war ohnehin niemand mehr da, der ihr irgendwelche Vorschriften machen konnte.
Lissy musste unwillkürlich über die steife und affektierte Art ihrer Schwester grinsen. Tessa hatte eine sehr genaue Vorstellung davon, was eine Lady tat und was nicht, und wäre entsetzt, würde sie von den absonderlichen Gepflogenheiten Lissys erfahren.
Die Sonne stand jetzt im Herbst schon am Nachmittag recht tief, aber sie hatte noch eine erstaunliche Kraft und schien Lissy direkt ins Gesicht. Im Unterschied zu den übrigen Damen der Gesellschaft genoss sie die Sonne, auch wenn sie im Sommer dadurch eine unmodisch getönte Hautfarbe hatte.
Der Weg zum Grove war breit und gut befestigt, sodass sie flott traben konnte, aber auf der Straße zu reiten war ihr entschieden zu langweilig. Kurz hinter dem weitläufigen Garten bog sie daher nach links ab, um über die Wiesen am Wald entlang zu reiten. Das Herbstlaub, das auf das Gras geweht war, malte ein rotbraunes Fleckenmuster auf den grünen Hintergrund und schimmerte in der Sonne in leuchtenden Farben. Das Herrenhaus aus hellem Stein, das jetzt auf ihrer Seite hinter dem Park lag, leuchtete in der Abendsonne wie ein kleines Schloss und sie war ein wenig stolz auf das wunderschöne Anwesen, auch wenn es natürlich gar nicht ihr gehörte, sondern ihrem Bruder. Der Herbstwald duftete nach Moos und Kiefern. Während sie an den Bäumen entlangritt, atmete sie tief ein und schloss für einen Augenblick genießerisch die Augen. Das alles hier war ihr Zuhause, das Haus genauso wie der Wald, die Wiesen und die ganze Gegend. Niemals würde sie freiwillig hier weggehen. Lauretta konnte sich darauf gefasst machen, dass sie das alles nicht so einfach aufgeben würde. Entschlossen öffnete sie die Augen wieder, spannte den Körper an und ließ ihre Stute zu einem fröhlichen Galopp anspringen. Dann setzte sie ein gutes Stück weiter hinten mit einem eleganten Sprung über den Bach, der vom Grove zum Herrenhaus und von dort weiter durch die Wiesen und Äcker Richtung des Nachbarortes Bracknell führte.
Eigentlich war es ein Umweg, fast ganz um den großen Park von Windgrove herum und immer am Waldrand entlang, aber sie war ja nicht nur unterwegs, um die baufälligen Arbeiterhäuser anzuschauen, sondern auch um sich abzulenken, von den furchtbaren Intrigen ihrer Schwester.
Warum hatte Lauretta plötzlich so ein großes Interesse an ihr und wollte sie so dringend verheiraten? In den letzten Jahren hatte sie sich bei den Bällen und Nachmittagstees in London kaum um sie gekümmert. Beinahe hatte sie das Gefühl, es wäre Lauretta peinlich gewesen, mit ihr gesehen zu werden. Nicht dass sie ihr das verübeln würde. Sie wusste selbst, dass sie nicht die leuchtende Berühmtheit der Bälle war und dass sie froh sein konnte, wenn überhaupt irgendwer mit ihr tanzte. Hätte sie nicht ihre beiden guten Freundinnen aus der Schulzeit an ihrer Seite gehabt, wäre sie wahrscheinlich ganz allein auf den Mauerblümchenbänken sitzen geblieben. Da Antonia und Elisabeth aber sehr hübsche junge Ladys waren, hatte etwas von deren Beliebtheit bei den Herren auch auf sie abgefärbt. Toni und Elli waren auch, im Unterschied zu Lauretta, sehr liebenswürdig und hatten Lissy immer mit einbezogen, auch wenn sie an den meisten Abenden nur drei oder viermal zum Tanzen aufgefordert wurde und so doch meist am Rande der Tanzfläche herumstand.
Ein gutes Stück bevor sie wieder auf den Hauptweg trafen, spannte Fleur sich plötzlich an, als ob etwas im Gebüsch ihre Aufmerksamkeit erregte. Aber da sie ein gut erzogenes Pferd war, galoppierte sie in beständigem Takt weiter. Nur ein etwas größerer Galoppsprung und ein kaum spürbarer Schlenker nach links wiesen darauf hin, dass sie etwas Ungewöhnliches bemerkt hatte. Hastig drehte Lissy sich um und meinte, ein Stück braunen Stoff hinter einem Baum zu sehen, aber im nächsten Augenblick war sie schon an der Stelle vorbei und schüttelte den Kopf über diese seltsame Idee. Wahrscheinlich war nur ein Reh zwischen den Bäumen aufgesprungen und Fleur hatte sich deshalb erschreckt.
Lissy wollte gerade kurz vor der Poststation wieder auf den Weg einbiegen, als sie die elegante, zweispännige Kutsche sah, die in einem unverschämten Tempo an ihr vorbeischoss. Zugegeben, der Kutscher musste nicht damit rechnen, dass hier jemand vom Waldrand her auf den Weg ritt, aber normalerweise hatte es niemand so eilig, dass er nicht erst einmal im Schritttempo fahren konnte, bis er sich etwas weiter von den Häusern entfernt hatte.
Die Straße von Bristol nach London war der einzige Grund, warum es in der abgeschiedenen Gegend überhaupt eine Poststation gab. Hier wurden die Pferde gewechselt, man nahm währenddessen einen schnellen Imbiss ein oder vertrat sich etwas die Beine, ehe es weiterging. Nicht nur die Postkutschen, auch privat Reisende nutzten die Möglichkeiten gern und brachten damit ein wenig Arbeit und Geld in den kleinen Ort, der sonst ausschließlich Farmarbeiter und Holzfäller beherbergte.
Es war bereits kurz nach Mittag, und wer jetzt noch nach London unterwegs war, würde die Hauptstadt bei Tageslicht sicher nicht mehr erreichen, da konnte auch solch eine wilde Fahrweise nichts mehr helfen.
Ungehalten schüttelte sie den Kopf. Sie wandte sich dem Weg Richtung Grove zu und versetzte Fleur in einen frischen Trab. Auch sie musste sich ein wenig beeilen, wenn sie in Ruhe mit Mister Emmerson sprechen und dann noch den Weg zurück nach Hause schaffen wollte, bevor die Dämmerung käme.

Buchstabenkekse

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