Logo Hilga Höfkens

Buchstaben zu Worten zu Sätzen zu Geschichten zu Träumen

Das Buch "Die Flötenspielerin" steht jetzt in einer überarbeiteten zweiten Auflage zur Verfügung. Eine lange Leseprobe findest du weiter unten auf dieser Seite.

Das Papierbuch kaufst du natürlich am Besten beim Buchhändler deines Vertrauens, der es über die ISBN-Nummer gern für dich bestellt. Hier findest du Links für das Ebook. Jeder Link öffnet sich in einem eigenen Fenster.

über das Buch

Irgendwo im dreizehnten Jahrhundert: Bei dem großen Brand wird Herzogssohn Alexander schwer verletzt. Während seine äußeren Wunden zu tiefen Narben werden, spinnt seine Stiefmutter eine böse Intrige. Verzweifelt flieht er aus der Burg und findet Zuflucht in einer verlassenen Bergfeste. Während die Stiefmutter und ihr Sohn das Herzogtum an sich reißen, verliert er in der Einsamkeit des Waldes Hoffnung und Lebensmut.
Leah ist noch ein Kind, als sie des bösen Blicks und der Hexerei angeklagt werden soll. Ihre Amme flieht mit dem Mädchen, bevor die Häscher sie erwischen können. In dem Dorf, das sie nach langer Reise erreichen nimmt mann sie freundlich auf, doch zu ihrem Schutz darf niemals ihre Herkunft bekannt werden. Um dem hektischen Treiben im Dorf zu entgehen nimmt sie ihre Flöte und folgt dem schmalen Pfad in den Wald und den Berg hinauf.
Dort spielt sie in der Stille des Waldes ihre Melodien, doch nicht nur die Bäume lauschen gebannt den Flötenklängen.

Musik, die mich beim Schreiben inspiriert hat

Entstehung des Buchcovers

Coverbild Die Flötenspielerin Kohlezeichnung

Front Cover Flötenspielerin

Kohlezeichnung Brückenbogen und Flöte

Front Cover Kohlezeichnung

Coverrückseite zu Die Flötenspielerin Kohlezeichnung der Ruine

Rückseite Cover Flötenspielerin

Brückenbogen über einem Bach

Brückenbogen im Wald

Ruine der Burg Hardenberg

Ruine der Burg Hardenberg

Weg mit Herbstlaub im Sonnenschein

Waldweg im Sonnenschein

Leseprobe von "Die Flötenspielerin"

Prolog

„Öffnet sofort die Tür! Gebt das Mädchen heraus!“ Unerbittlich dröhnte der Schlag der Fäuste gegen die Tür. Sebastian war inzwischen vom Fenster zurückgewichen. Er hatte sie mit ihren Fackeln schon durch die Dunkelheit kommen sehen und Leah angewiesen, sich oben im Dachboden zwischen den frischen Heubündeln zu verstecken.
Gerbo, Sebastians Neffe, hatte sich in dem Augenblick nach draußen gemogelt und vor der Tür aufgebaut. Mit aller Kraft versuchte er, ihnen den Weg zu versperren, aber der Anführer fegte den schmalen Burschen mit einem kräftigen Faustschlag einfach zur Seite. Taumelnd stürzte er beinahe zu Boden und sofort traf ihn der Tritt eines anderen Mannes im Rücken. Als er mit einem Ächzen zu Boden sackte, traf ihn noch ein Stiefel im Nacken, woraufhin er reglos liegenblieb.
„Das Mädchen ist nicht hier, sie ist heute Nacht im Palais geblieben“, rief Helena mit fester Stimme in Richtung Tür, während sie ihren Mann hilfesuchend ansah. In dem Moment splitterte der Rahmen und die schwere Holztür flog in den Raum. Sebastian wurde durch die Wucht nach hinten gestoßen und keuchte erschrocken auf, als die Tür ihn unter sich begrub. Mehrere kräftige und ziemlich betrunkene Kerle drängten zugleich durch den zerborstenen Türrahmen.
„Wo ist sie?“, verlangte der grobschlächtige Anführer mit geballten Fäusten zu wissen. Helena, die von einem der Kerle beim Hereinstürmen einfach zu Boden gestoßen worden war, richtete sich auf und sah erschrocken in sein von Alkohol und Aufregung rot angelaufenes Gesicht.
„Was wollt Ihr, sie ist doch noch ein Kind.“ Der Mund des Mannes wurde schmal und Hass leuchtete wie ein Irrlicht in seinen Augen auf.
„Sie hat mit ihrem bösen Blick meine Frau verhext und jetzt hat sie unseren Sohn verloren.“ Ein Glitzern in den Augen und ein tiefer Atemzug verrieten einen kurzen Augenblick lang seine Gefühle, aber im nächsten Moment wurden seine Züge wieder hart und mit zorniger Stimme schrie er Helena an: „Sag mir endlich wo sie ist!“
„Sie ist nicht hier, sie ist im Palais.“ Der Bärtige fixierte sie und packte mit einer blutbeschmierten Hand nach ihrem Kleid. Brutal zog er sie zu sich heran, bis ihr Gesicht dicht vor seinem war und sie dem nach Met stinkenden Atem nicht mehr ausweichen konnte.
„Wenn du nicht die Wahrheit sagst, wirst du wünschen, du hättest die Kleine nie gesehen“, stieß er hervor und ließ sie so plötzlich los, dass sie mit einem Aufschrei vor ihm zu Boden sackte. Sebastian lag noch immer unter der Tür, auf die sich zwei der Männer gekniet hatten und rang mit rotem Kopf verzweifelt nach Luft.
Die übrigen Kerle hatten inzwischen das ganze Haus verwüstet. Regale waren umgestoßen, Krüge zerschlagen, Säcke aufgeschlitzt und das im Rauch hängende Fleisch hatten sie einfach abgeschnitten und eingesteckt. Auch in den beiden Schlafräumen hatten sie gewütet, doch das Mädchen hatten sie nicht gefunden.
*
Leah hockte zitternd oben unter dem Heu, in der hintersten Ecke des Dachbodens. Tränen liefen ihr über das Gesicht, ohne dass ein einziges Geräusch über ihre Lippen gekommen wäre.
„Wir werden die kleine Hexe schon kriegen und dann wird sie brennen, wie die drei anderen.“ Er brüllte ein höhnisches Lachen durch das kleine Haus, bei dem Leah vor Angst erstarrte und für einen Moment sogar die Tränen versiegten.
In der letzten Woche hatte sie dabei zusehen müssen. Agnes, ihre Stiefmutter, hatte darauf bestanden, dass Leah die Verbrennung der drei Frauen, die der Hexerei angeklagt waren, bis zum letzten Augenblick mit ansah. Das sollte eine heilsame Wirkung auf ihren bösen Blick haben und sie letztendlich davon abhalten, genauso zu enden.
Bevor sie verbrannt wurden, hatten der Henker und seine Gehilfen die Frauen unter dem Gejohle und Geschrei der Menge noch ausgepeitscht, bis alle drei schließlich fast ohnmächtig waren. Die Stimme des Priesters, der während des ganzen Schauspiels lateinische Beschwörungen rezitiert hatte, konnte man kaum hören. Dann hatten sie sie mit mehreren Eimern Wasser wieder zur Besinnung gebracht und an die Pfähle über den Scheiterhaufen gefesselt. Das Feuer fraß sich schnell durch den trockenen Reisig und erreichte nach wenigen Augenblicken ihre Füße. Lauter als das Johlen der Menge hallten die furchtbaren Todesschreie durch die ganze Stadt.
Seit dem Tag war Leah jede Nacht schweißgebadet von ihren eigenen Schreien erwacht und hatte nicht wieder einschlafen können. Schließlich hatte sie sich geweigert, überhaupt zu schlafen, und versuchte jeden Abend, so lange wie möglich wach zu bleiben. Ihre nächtlichen Schreie hatten sich natürlich in der ganzen Nachbarschaft herum gesprochen und inzwischen war man ganz sicher, dass sie auch mit dem Teufel im Bunde wäre. Als dann die Frau ihres Nachbarn eine Fehlgeburt hatte, war ihr Mann herüber gekommen und hatte vor der verschlossenen Tür herumgebrüllt. Er drohte, sie der Hexerei anzuklagen, dann war er in die Taverne gegangen, hatte sich Mut angetrunken und dabei schnell ein paar Raufbolde finden können, die ihm helfen wollten, Leah auf den Scheiterhaufen zu zerren.
*
„Kommt jetzt, wir gehen in die Taverne zurück. Morgen früh wird sie schon wieder auftauchen und dann schnappen wir uns die kleine Hexe.“ Der Bärtige spuckte verächtlich auf den Boden, bevor er sich zur Tür wandte und torkelnd das Haus verließ. Die anderen Burschen folgten und Helena sah, wie einer von ihnen im Hof noch einmal nach Gerbo trat, der bewegungslos liegen blieb. Mit tränenverschmiertem Gesicht raffte Helena sich auf und half Sebastian, die Tür von seinem Körper zu schieben. Schwer atmend hielt er sich den Brustkorb und stöhnte, als er versuchte, sich aufzurichten. Helena tastete unter sein Hemd.
„Lass mich deine Rippen anschauen, da ist sicher etwas gebrochen“ Sebastian schüttelte den Kopf.
„Sieh nach Gerbo, ich komm schon zurecht“, keuchte er. Hastig sprang Helena auf, eilte nach draußen und kniete vor ihrem Neffen nieder.
Vor einem Jahr erst hatte der Junge die Ausbildung bei Sebastian begonnen und inzwischen war er ihnen allen ans Herz gewachsen. Er hatte vor allem Leah in sein Herz geschlossen und verbrachte jede freie Minute in ihrer Nähe. Mit seinen vierzehn Jahren war er nur zwei Jahre älter als sie und Helena hatte schon gescherzt, dass es für die erste Liebe vielleicht noch ein wenig früh wäre.
Schluchzend kniete Helena neben dem zerschlagenen Körper des Jungen. Er war tot. Sie hatten ihn tatsächlich totgeschlagen.
*
Leah stieg zögerlich vom Dachboden und blieb orientierungslos neben der Kochstelle stehen. Ihr Blick fiel auf die Verwüstungen, die die Kerle angerichtet hatten.
„Nur wegen mir“, flüsterte sie und schüttelte fassungslos den Kopf. Als sie sich umdrehte, sah sie Helena draußen und erkannte im gleichen Augenblick Gerbo. Mit einem Aufschrei stürzte sie durch die Tür und warf sich neben ihrem reglosen Freund auf den Boden. Ihre zitternden Finger berührten sacht sein zerschundenes Gesicht und strichen über seine blutverklebten Haare, als Helena plötzlich an ihrem Arm zerrte und sie hastig zum Haus zurück zog.
„Kind, du darfst nicht hier draußen sein. Wenn sie dich sehen, gibt es kein Entkommen mehr.“ Leah schluchzte hemmungslos und ließ sich wie betäubt wieder hineinführen.
„Wir müssen sofort von hier weg“, stellte Sebastian fest und tauschte mit Helena einen vielsagenden Blick. Während Leah teilnahmslos in der Mitte des Raumes stand, packten er und Helena Proviant in die Satteltaschen der Pferde. Sie steckten eilig noch einige Kleidungsstücke und Wertgegenstände in Beutel, die sie sich auf den Rücken binden konnten. Das Mädchen ließ sich widerstandslos zum Stall schieben und auf ein Pferd setzen. In weniger als einer Stunde waren sie alle drei verschwunden.
*

Töne

Langsam ging er den steilen Weg vom Dorf zur Bergfeste hinauf, als er plötzlich Töne vernahm, die durch die Abenddämmerung perlten. So etwas hatte er noch nie gehört. Ein wenig klangen sie wie Vogelgezwitscher, andererseits auch wieder wie eine Stimme. Traurige und sehnsuchtsvolle Töne, die dem drückenden Gefühl von Einsamkeit eine Stimme zu geben schienen. Solch ein Lied konnte kein Vogel hervorbringen. Wie gebannt blieb er stehen, um der seltsamen Melodie zu lauschen.
Der Frühling hatte Wald und Felder in frisches Grün getaucht und die Vögel sangen fast unangemessen laut im letzten Abendlicht. Endlich wurden die Tage länger und wärmer und der lange, eisige Winter war gebrochen. Ein Reh stand in einiger Entfernung mitten auf dem Pfad und schaute mit zuckender Nase und eifrig spielenden Ohren in seine Richtung. Doch der große, breitschultrige Mann, mit dem dunklen Umhang und der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, sah weder das Reh noch die Schönheit der letzten Sonnenstrahlen an.
Er war heute, nach dem Winter zum ersten Mal wieder im Dorf gewesen, um sich mit den Dingen zu versorgen, die der Wald ihm nicht geben konnte. Er schob diesen Gang immer so lange wie möglich hinaus, weil er die Angst und die Ablehnung, die ihm im Dorf entgegenschlugen, kaum ertragen konnte. Vergeblich hoffte er immer wieder, dass ihm jemand freundlich begegnen würde, ihm einen Gruß, ein kurzes Gespräch ein wenig Gesellschaft schenken würde. Doch obwohl er sein Gesicht in seinem weiten Umhang und der großen Kapuze verbarg und niemals aufblickte, blieb niemand auf der Straße, sobald er auftauchte. Sie verschwanden hinter hastig zu geschlagenen Türen und es herrschte gespannte Stille zwischen den Häusern. Der Krämer gab die Waren wortlos durch einen schmalen Türspalt heraus und lies das Geld liegen, bis er wieder verschwunden war.
Diese Töne, woher kamen sie? Hastig stürzte er den Weg entlang und folgte dem Klang durch den langsam dunkler werdenden Wald, in der Hoffnung den Ursprung der bittersüßen Melodie zu finden, bevor die Dunkelheit alles verschlucken würde. Ein letzter langer Ton, dann zog tiefe Stille durch den ganzen Wald. Er hatte die Quelle der Musik nicht gefunden. Mitten im Lauf erstarrte er und versuchte seinen keuchenden Atem anzuhalten, um noch irgendeine kleine Regung aus der Richtung zu erhaschen, aus der die Melodie vorher geklungen hatte. Nichts.
Seine angespannten Schultern sackten herunter und er ließ sich neben dem Weg auf einen umgestürzten Baumstamm sinken. Die Dämmerung hatte sich niedergesenkt und verschluckte den Weg und seine zusammengesunkene Silhouette in einem leichten Nebel.
Da, kurz vor ihm, erkannte er plötzlich eine Bewegung. Jemand war vom Mauervorsprung unter dem alten Steinbogen gesprungen und leise knackte ein Ast, als sich die Person dem Weg zuwandte und eilig in seine Richtung ging. Schnell sprang er auf und verbarg sich hinter einem knorrigen Stamm. Im schwindenden Licht konnte er eine schmale Gestalt erkennen, die den Weg herunter kam. Sie ging schnell an ihm vorbei zum Dorf, ohne ihn zu bemerken. Der erdfarbene Umhang wehte leicht mit einer anmutigen Bewegung und ein heller, fest geflochtener Zopf wippte bei jedem Schritt hin und her. Dann war es wieder still. So still und einsam wie zuvor.
Wie benommen blieb er an die raue Rinde gelehnt stehen. Sie war so nah an ihm vorbei gegangen, so nah, dass er sie fast hätte berühren können, hätte er es gewagt, seinen Arm auszustrecken. Er schloss die Augen und konnte den Luftzug ihres Umhangs noch einmal erahnen, obwohl sie schon in der Dunkelheit verschwunden war. Ein Beben zog von seiner Brust durch den ganzen Körper und einen endlos langen Augenblick glaubte er, nicht mehr atmen zu können. Seine Gedanken rasten jedoch der verschwundenen Gestalt nach.
Konnte sie diese wunderbare Melodie auf einem Instrument gespielt haben? Er hatte nicht erkennen können, ob sie etwas bei sich trug. Von allerlei verschiedenen Instrumenten hatte er in seiner Jugend in Büchern gelesen. Aber noch nie hatte er etwas anderes als Laute und Sackpfeife gehört. Der Drang, ihr nachzulaufen und sie zu bitten noch einmal zu spielen, ließ ihn zwei Schritte auf den Weg machen. Aber was wäre wohl geschehen, wenn er sie angesprochen hätte? Nein! Niemals dürfte sie ihn sehen, nur dann würde sie vielleicht wieder herkommen und spielen. Aus sicherer Entfernung könnte er zuhören, aber niemals dürfte er sich ihr zeigen.
Erst als es vollständig dunkel war, stieg er langsam zu der verlassenen Bergfeste hinauf, die er sein Zuhause nannte. Der Weg durch den aufziehenden Nebel erschien ihm länger und steiler als an anderen Tagen. Als er die Mauern der Burg erreicht hatte, sah er zu ihren kalten Zinnen hoch. Die Nässe des Nebels zog durch den Umhang in seine Schultern und sein Körper schmerzte in der Kälte und Feuchtigkeit stärker als sonst. Die Tasche mit den Waren aus dem Dorf stellte er achtlos zur Seite, zündete ein Feuer in der Kochstelle an und versuchte vergebens sich zu wärmen.
Welches Instrument konnte wohl solch wundersame Klänge erschaffen? Er stand auf und versuchte, in seinen wenigen Büchern etwas über Musik zu finden, aber hier gab es nicht die Bibliothek seiner Kindheit. Nur wenige Bücher über die Ahnenkunde und über das Schmieden von Waffen und Werkzeug hatte er in diesen verfallenen Mauern gefunden. Er setzte sich wieder ans Feuer und ließ den Kopf auf seine Hände sinken. Er wagte es nicht, sich zum Schlafen hinzulegen, denn es würde ihn nur wieder der gleiche Traum heimsuchen, der ihn seit all der Zeit jede Nacht verfolgte. Das Feuer und die Schreie derer, die er nicht hatte retten können, würden ihn niemals vergessen lassen. Vor so vielen Jahren hatte es die, die er liebte verschlungen und auch ihn gezeichnet. Trauer und Schuld würde ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgen. So starrte er noch lange in die Glut, bis ihr Licht erlosch und die Dunkelheit ihn umfing.
*
Die Flöte hatte Leah hastig in die Innentasche ihres Umhangs geschoben, als sie bemerkte, dass es schon beinahe dunkel war. Ein leichter Nebel stieg aus dem Boden hoch und die Kälte der Nacht begann bereits in ihren Umhang zu kriechen. Eilig machte sie sich auf den Weg zurück ins Dorf.
Auf einem ihrer Abendspaziergänge hatte sie diesen großen Steinbogen gefunden, der wohl der Rest einer alten Brücke war. Hier klang ihre Flöte besonders schön und voll, daher hatte sie sich vorgenommen, hier öfter zu spielen. Die Dunkelheit zog sich um sie herum zusammen und sie erkannte, dass es dumm gewesen war, allein so tief in den ihr unbekannten Wald zu wandern. Wahrscheinlich gab es Bären, Wölfe und andere Raubtiere an dieser vom Dorf entfernten Bergflanke. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet und beschleunigte ihre Schritte. Entschlossen richtete sie die Augen auf den Weg und bald war die Gänsehaut in ihrem Nacken wieder verschwunden.
Am Hof angekommen, wandte sie sich direkt zum Stall. Hier hatte sie heute Abend noch Pflichten zu erfüllen, bevor sie sich schlafen legen konnte. Wenn die Stallburschen schon gegangen waren, würde sie wieder mal selbst die letzten Dinge aufräumen müssen. Natürlich war sie selbst schuld, wenn sie so spät kam, hörte sie im Geiste ihren Vater sagen. Im Flötenspiel hatte sie sich ganz der Sehnsucht hingegeben, nach ihrer alten Heimat, ihrem guten Freund, den sie für immer verloren hatte und ihrem Bruder, dem sie als Einzigem aus der Familie etwas bedeutet hatte. Wenn sie auf ihrer Flöte spielte, konnte sie wieder dort sein und sich verbunden fühlen, mit denen, die sie zurücklassen musste um ihr eigenes Leben zu retten. Dass die Dämmerung heraufzog, hatte sie dabei überhaupt nicht bemerkt.
Erst vor kurzem waren Leah und Sebastian hierher gekommen und er hatte eine Anstellung als Stallmeister des Herzogs bekommen. Für sie war Sebastian der Vater, den sie sich immer gewünscht hatte. Seine Frau Helena war im letzten Jahr an einem Fieber gestorben, das Viele im Dorf dahin gerafft hatte. Sie war Leahs Amme gewesen und in ihrem Haus hatte Leah auch gewohnt, bis die Umstände eine Flucht für sie alle nötig machten. Ihre Mutter war bei der schweren Zwillingsgeburt gestorben und ihr eigentlicher Vater hatte sich nie wirklich um sie gekümmert. Nur mit ihrem Zwillingsbruder hatte sie eine gewisse Zuneigung verbunden. Nachdem sie den Ort ihrer Kindheit so hastig verlassen mussten, hatte niemand mehr Leahs wahre Herkunft gekannt. Das sollte auch weiterhin so bleiben, denn niemand außer ihrem Ziehvater Sebastian wusste, was damals geschehen war.
Der Ort, an dem sie nach ihrer ersten Flucht gelebt hatten, lag viele Tagesreisen westlich von hier in der Nähe des Meeres. Um unterwegs den Lebensunterhalt zu verdienen, hatten sie immer wieder mehrere Tage oder Wochen an einem Ort verbracht. So hatten sie beide auch die Gelegenheit gehabt, die Sprache zu lernen und sich den fremden Sitten in dem neuen Land anzupassen. Dann hatten sie wieder alles gepackt und waren überstürzt aufgebrochen, weil ein Händler Sebastian und sie wiedererkannt hatte. Auf keinen Fall durften ihre Verfolger erfahren, wohin sie geflohen waren und daher zogen sie es vor, weiterzuwandern.
Da Sebastian kein Leibeigener war, konnte er seinen Wohnort frei wählen, aber als Freier ohne eigenes Land hatte er auch nicht viele Möglichkeiten. Ein Handwerk hatte er nicht gelernt, seine Kenntnisse lagen in der Aufzucht und Ausbildung der Pferde. Es schien ein Glücksfall zu sein, dass er hier sofort die Position eines Stallmeisters angeboten bekam und so hatten sie sich hoffnungsvoll auf ein neues Leben an diesem Ort eingerichtet.
Natürlich waren alle Stallburschen bereits verschwunden, als sie ankam. So machte sie sich also daran, die restlichen Handgriffe selbst zu erledigen. Der Stall war warm und das Schnauben und Kauen der Pferde und das gleichmäßige Streichen ihres Besens hatte eine beruhigende Wirkung. Sie war eigentlich schon immer gern abends allein im Stall gewesen. Nirgendwo auf der Welt war es so friedlich wie zwischen den ruhig kauenden Pferden.
*

Worte

Der Morgen schien heute heller zu sein, als an den Tagen zuvor. Sonne flirrte durch die Blätter und es wehte eine frische Brise. Nach dem Essen machte Alexander sich daran, das Reh zu zerlegen, das er am Vortag gejagt hatte. Einen Teil des Fleisches würde er mit dem gestern gekauften Salz pökeln und später in den Rauch hängen. Während er draußen im Hof arbeitete, wurde es langsam wärmer und schon bald perlten Schweißtropfen auf seiner Stirn. Wie immer erledigte er seine Arbeit mit Ruhe und Sorgfalt. Wozu auch sich beeilen, die Tage waren ohnehin stets viel zu lang.
Jetzt im Frühjahr gab es zumindest wieder etwas zu tun und die Sonne ließ die Tage heller und freundlicher erscheinen. Die Wintertage, in denen tiefer Schnee die Burg einhüllte und die Dunkelheit manchmal dem Tageslicht nicht weichen wollte, waren beinahe unerträglich. Jedes Mal, wenn das Feuer ausging, während er schlief, wurde es sofort so kalt, dass die Atemluft Eiszapfen an seiner Decke entstehen ließ. Dann hatte er sich manchmal gefragt, ob er nicht einfach liegenbleiben sollte und warten, bis die Kälte ihn von all den Schmerzen und der Schuld für immer befreien würde. Bisher war er trotz allem immer wieder aufgestanden, hatte das Feuer entzündet und aus Schnee, Trockenfleisch und Wurzelgemüse einen Eintopf gekocht, der ihn etwas wärmte. Inzwischen konnte er spüren, wie die Sonne täglich an Kraft gewann und die Tage heller und wärmer wurden.
Nachdem das frische Rehfleisch verarbeitet war, setzte er sich auf die Steinbank neben der Tür. Schon den ganzen Morgen musste er an die Melodie denken und konnte kaum erwarten, dass es Abend wurde. Würde sie wieder kommen? Wer war sie und warum hatte er sie vorher noch nie spielen gehört? Was sollte er nur mit dem restlichen Tag anfangen, bis zur Abenddämmerung? Er könnte einfach hingehen und den Platz ansehen, wo sie gesessen hatte. Ja, das war ein guter Plan und er würde vorsichtig sein, dass sie ihn nicht bemerkte, wenn sie käme.
Erleichtert über diesen Entschluss stand er auf, nahm seinen weiten, dunklen Umhang und machte sich auf zur alten Brücke. Zuerst ging er auf dem Weg von der Bergfeste über die flache Hügelkuppe und ein Stück auf der anderen Seite herunter bis zur Lichtung. Hier war die Bergflanke so steil, dass sich vorletzten Winter eine kleine Lawine gelöst hatte. Im Herunterrasen hatte der Schnee viele Bäume mitgenommen und so konnte man jetzt von hier aus fast das ganze Tal überblicken.
Das frische Grün des Frühlings ließ die Ebene wie einen Edelstein leuchten. Der Bach, der etwas oberhalb der Bergfeste mit einem kleinen Wasserfall entsprang, zog sich windend hinunter bis zum Dorf, um dann in der Ferne in den Fluss zu münden. Der stolze Herzogssitz, an den das Dorf sich wie eine Vorburg schmiegte, lag auf einer künstlich aufgeschütteten Anhöhe im Mittelpunkt des grünen Tals und überblickte die Ländereien und den Wald. Einst war das sein Zuhause gewesen, doch diese Zeit schien so unendlich fern wie die Sterne am Nachthimmel. Niemals konnte er darauf hoffen, diese Tore wieder zu durchschreiten.
Er wandte sich ab und verließ den Weg, der früher einmal über die Brücke geführt hatte. Noch ein kurzes Stück steil den Berg hinunter, dann unter den mächtigen Kronen der Buchen hindurch, so kam man von oben zum Bach, der sich hier unter der ehemaligen Brücke hindurch wand.
Das Sonnenlicht warf goldene Flecken durch das Laub, auf den schulterhohen Vorsprung, der das Fundament der Brücke gebildet hatte. Hier musste sie gestern gesessen haben. Das Zwitschern der Waldvögel klang hier anders und auch das Plätschern des Baches hatte an dieser Stelle einen besonderen Klang. Deshalb also hatte sie diesen Platz gewählt, hier unter dem weiten Steinbogen war jedes Geräusch schöner und größer als wenige Schritte weiter vorn im Wald. Seine Hand strich über den rauen, sonnenwarmen Stein. Die Erinnerung an den gestrigen Abend stieg in ihm auf und er hielt unwillkürlich den Atem an. Beinahe glaubte er die wunderbare Melodie, die doch so traurig geklungen hatte, wieder zu hören.
*
Es war heute Leahs Aufgabe, aus verschiedenen, ausrangierten Lederteilen ein Geschirr herzustellen, mit dem man das junge Pferd ausbilden konnte. Bisher hatte man hier einfach ein paar Seile zusammen geknotet, um die Jungtiere anzulernen. Nach Sebastians Ansicht war es aber besser, gleich am Anfang ein richtiges Geschirr zu verwenden. Die dünnen Seile schnitten zu sehr ins Fell und schmerzten und die Jungpferde wurden so schon am Anfang ihrer Ausbildung widersetzlich.
Sie hatte sich in der staubigen und dunklen Geschirrkammer verschiedene Lederteile zusammengesucht, um daraus etwas Brauchbares zu nähen. Diese Geschirrkammer wollte sie sich auch noch vornehmen. Zusammen mit Georg, dem Gehilfen ihres Vaters, wollte sie dort dringend Licht und Luft hereinlassen und alle Lederteile ordnen und mit Fett einreiben. Sie seufzte. So vieles wollte sie hier verändern, aber Sebastian hatte ihren Überschwang gebremst.
Man konnte nicht einfach als Fremder an einen Ort kommen und plötzlich alle Dinge umstürzen. Die Wege der Menschen waren eingefahren. Wenn man sie nicht gleich gegen sich aufbringen wollte, musste man behutsam vorgehen.
Als sie endlich mit dem Ergebnis ihrer Arbeit zufrieden war, stand die Sonne bereits hoch und die Mittagszeit war längst vorüber. Sie streckte sich ausgiebig in der warmen Frühlingssonne, als sie von ihrer gebückten Haltung auf dem Hocker aufstand. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihrem Magen die ausgefallene Mittagsmahlzeit fehlte. In der Küche des Hofes holte sie sich den Rest der Suppe und des Brots und aß auf der niedrigen Mauer draußen in der Sonne.
Der Innenhof wurde von den Wohngebäuden, den Stallungen und der großen Vorratsscheune gebildet. Kurz dahinter umschloss die Außenmauer das Dorf, die an dieser Stelle vom Wiesentor durchbrochen wurde. Dort begannen die weiten Wiesen und Felder, die direkt zum Dorf und der Burg gehörten.
Leah genoss die Stille im Hof, während alle schon wieder auf den Feldern waren. Solche Tage, an denen sie ihre eigenen Aufgaben hatte und nicht fortwährend mit so vielen, lauten Menschen zusammen sein musste, waren ihr die liebsten. Wenn mehrere Menschen zugleich redeten, konnte sie ohnehin kaum verstehen, worum es ging. Die Aussprache und viele einzelne Worte waren ihr noch nicht richtig vertraut. Mit jedem Tag wurde es besser, aber bis sie sich wie früher, mit jedem flüssig unterhalten konnte, würde noch viel Zeit vergehen.
Jetzt musste sie noch das Futter für die Arbeitspferde richten, damit sie direkt fressen konnten, wenn alle von der Feldarbeit zurückkehrten. Wenn sie sich sehr beeilte, hätte sie noch Zeit zum Bogen zu laufen und an ihrem neuen Lieblingsplatz Flöte zu spielen, bevor die Abenddämmerung kam. Kaum war sie mit ihrer Arbeit fertig, stand ein ihr unbekannter Bursche vor ihr und starrte Löcher in den Boden. Leah baute sich vor ihm auf, beide Hände in die Hüften gestützt und sah ihn auffordernd an.
„Seid Ihr die Pferdeheilerin?“ Sie stutzte, da diese Bezeichnung für sie noch ungewohnt war.
„Ähm, ja das bin ich wohl. Was gibt es denn?“ Verlegen trat der Junge von einem Bein auf das andere.
„Ein Pferd wurde verletzt und der Ritter hat gehört, das es hier eine Frau gibt, die sich mit solchen Dingen auskennt.“ Leah nickte und wartete, ob der Junge noch mehr zu sagen hatte. Der drehte sich aber einfach um und lief aus dem Stall. Offensichtlich war es ihm nicht ganz geheuer mit ihr zu sprechen und nachdem er seine Nachricht überbracht hatte, trat er sogleich die Flucht an. Eilig lief sie hinter ihm her.
„He, warte, sollst du mich nicht zu dem Pferd bringen?“ Aber ihr Rufen nützte nichts. Der Bursche war bereits verschwunden. Also ging sie zurück, nahm ihre Tasche mit den grundlegenden Dingen, die man bei Verletzungen benötigte und machte sich auf den Weg, quer durch das Dorf zu dem Stall, der direkt vor der Burgmauer lag. Dort fand sie den Jungen wieder und eifrig führte er sie zu dem verletzten Pferd. Sie sah sich das blutende Bein an und stellte fest, dass es sich nur um einen oberflächlichen Riss handelte. So reinigte sie die Wunde und gab dem Knappen, der für das Pferd zuständig war, Salbe und Wickel und die Anweisung, wie sie anzulegen wären. Dann ging sie zurück zum Hof der Arbeitspferde, schlüpfte in ihre Kammer und steckte schnell ihre Flöte ein.
*
Plötzlich bemerkte er eine Bewegung auf dem Pfad unterhalb. Kam sie schon? Nein, es war nur ein Reh, das den Weg kreuzte. Aufatmend ging er zurück nach oben auf die Lichtung. Von hier aus konnte er den Weg zum Dorf gut überblicken, war aber selbst nicht zu sehen. Er setzte sich in das sonnenwarme Gras, lehnte den Rücken an den großen, grauen Felsen und ließ den Kopf nach hinten sinken.
Kleine weiße Wolkenfetzen zogen langsam ihre Bahn und die Sonne wärmte seine schmerzenden Glieder. Schmerz war seit dem Feuer sein ständiger Begleiter. Die Brandnarben hatten am Fuß und an der Hand die Haut zusammen gezogen, so dass die Gelenke nicht mehr richtig beweglich waren. Die Hand konnte er nicht mehr ganz öffnen und er hatte auch nicht die normale Kraft in den Fingern. Der Fuß dagegen ließ sich nicht mehr vollständig beugen, so dass die Ferse beim Laufen den Boden nicht berührte. Das hatte ihm ein Hinken eingebracht und durch die ungleichen Bewegungen schmerzte nach längerem Laufen seine ganze rechte Seite. Die Wärme der Frühlingssonne entspannte jedoch die verkrampften Muskeln und er streckte Arme und Beine bequem aus.
Die wunderbare Flötenmelodie, wie aus einem Traum, erklang von unten. Er schrak zusammen und sprang auf. Sie war schon da und spielte ihre wunderbare Musik. Warum hatte er sie nicht kommen sehen? Es war bereits dämmrig, er musste in der Sonne eingeschlafen sein. Fröhlich klangen die Töne heute. Klar und ruhig, wie das fließende Wasser im Bach und der Schimmer der Sonnenstrahlen durch das Laub der Buchen. Die Melodie war so wunderschön, warm und weich, dass er kurz die Augen schloss und nur lauschte. Er spürte wie sein Herzschlag sich beschleunigte, bei der Erinnerung an ihre schmale, anmutige Gestalt.
Von dieser Lichtung aus konnte er nur den Weg überblicken, nicht aber den Platz unter dem Steinbogen sehen. Nur ein wenig näher wollte er herangehen, ganz vorsichtig. Vielleicht könnte er sogar einen Blick auf das Instrument erhaschen, von dem er inzwischen sicher war, dass es eine Flöte sein musste. Sie würde ihn nicht bemerken, nur einen vorsichtigen Blick würde er riskieren.
Leise ließ er sich am Hang hinunter gleiten, während die Melodie immer neue Höhen und Tiefen in ihrem perlenden Klang vereinte. Er sah ihre schmalen Schultern und den langen Zopf, der über ihrem Umhang im Rhythmus der Melodie hin und her tanzte. Gestern war sie so nah an ihm vorbei gegangen, doch jetzt schien ihn die Entfernung zwischen ihnen unendlich groß. Die Sehnsucht nach Nähe, nach einem Menschen der seine Einsamkeit vertrieb, ließ ihn beinahe unvorsichtig werden. Wenn er wenigstens die Flöte und vielleicht sogar ihr Gesicht sehen könnte. Nur noch einen kleinen Schritt trat er vor, da knackte ein Ast unter seinem Fuß.
Jäh brach die Melodie ab und die Flötenspielerin sprang von ihrem Mauervorsprung. Nein! Das durfte nicht passieren! Sie hatte ihn bemerkt. Wenn sie jetzt ging, kehrte sie vielleicht nie zurück. Sie hatte sich erschreckt und würde sich davor fürchten, hier noch einmal zu Spielen. Irgendwie musste er sie festhalten, konnte diese wundervolle Musik und ihre Gegenwart doch nicht schon wieder verlieren. So holte er tief Luft und tat das Undenkbare.
„Meine Dame, habt keine Angst. Ich wollte Euch nicht erschrecken, es tut mir leid.“ Er hörte ihr Aufatmen und stieß selbst einen erleichterten Seufzer aus, als sie sich in seine Richtung umwandte, anstatt wegzulaufen.
„Meine Flöte hat also einen Zuhörer, heute Abend“, stellte sie fest, mit hörbarer Erleichterung in ihrer Stimme. „Kommt doch heraus, so dass ich erkennen kann, wer Ihr seid.“ Sie machte zwei Schritte in seine Richtung und spähte in das Dickicht.
„Nein, bitte kommt nicht näher. Ihr dürft mich nicht ansehen!“ Er zog sich hastig ein Stück zurück in das Unterholz. Was hatte er getan? Wie hatte er sie ansprechen können? Jetzt stand sie vor seinem Versteck und beinahe müsste sie ihn hier zwischen den Ästen erkennen können.
Sie war so schön, ihr zartes Gesicht strahlte im Abendlicht, das durch die zitternden Buchenblätter rieselte und der offene braune Umhang ließ ihre schmale Gestalt in dem sandfarbenen Kleid zart und zerbrechlich wirken. Ihre Stimme war weich und die Art, wie sie die Worte betonte, hörte sich fremd und zugleich vertraut an. Es erinnerte ihn an seine Pagenzeit, die er bei einer befreundeten Familie verbracht hatte, in der Burg von Valenciennes, die zur Grafschaft Chambrais gehörte.
„Verzeiht, ich wollte Euch nicht unterbrechen. Bitte nehmt doch wieder auf der Mauer Platz und spielt weiter, ich werde aus der Entfernung zuhören.“ Sie durfte ihn auf keinen Fall sehen. Sie würde wie die Menschen im Dorf auf seinen Anblick reagieren und sich erschrocken und voller Angst abwenden. Ein kalter Schauer fuhr über seinen Rücken, allein bei dem Gedanken.
„Warum darf ich Euch nicht sehen? Ihr habt mich zu Tode erschreckt und müsst hervor kommen, um Euch ordentlich zu entschuldigen. Ich kenne Euch nicht und wüsste gern, wer hier im Wald meiner Flöte zuhört.“ Seine Gedanken rasten in dem verzweifelten Versuch, irgendeine Erklärung für sein seltsames Verhalten vorzubringen. Noch bevor er zu einem Entschluss gekommen war, sprach sie weiter.
„Nun gut, wenn Ihr Euch nicht vorstellen möchtet, so ist das Eure Sache. Ich kann Euch ja zumindest sagen, wer ich bin. Mein Name ist Leah und ich bin die Tochter des neuen Stallmeisters. Ihr kennt mich wahrscheinlich noch nicht, weil wir erst vor kurzem hier angekommen sind. Ich habe noch lange nicht alle Leute des Dorfes kennengelernt.“
Er stieß erleichtert die Luft aus, und bemerkte erst jetzt, dass er die ganze Zeit den Atem angehalten hatte. Wenn sie mit ihrem seltsamen Akzent so schnell sprach, musste er sich sehr konzentrieren, um sie zu verstehen, aber einiges war ihm jetzt klar geworden. Sie war noch nicht lange hier und hatte noch nicht davon gehört, dass er oben in der alten Bergfeste wohnte, sonst wäre sie wohl niemals hier hochgekommen.
Im Dorf ging das Gerücht, dass der Kapuzenmann in der alten Burg wohnte, schon lange um. Die Jäger und Holzfäller mieden daher diesen Teil des Waldes, um ihm nicht zufällig zu begegnen. Natürlich würde sie es früher oder später von jemandem erfahren. Wenn sie im Dorf von ihrer Begegnung mit einem unbekannten Fremden erzählte, würden sie ihr sofort die ganze Geschichte über ihn berichten. Dann würde sie nicht mehr herkommen. Er musste sich schnell etwas einfallen lassen. Sein Herz raste und seine Gedanken begannen zu verschwimmen. Da kam ihm die rettende Idee.
„Bitte verzeiht meine Unhöflichkeit. Natürlich muss ich mich ebenfalls vorstellen. Ich bin der Sohn des Schmieds, aber ich habe mir beim Klettern am Felsen die Hose zerrissen. So kann ich unmöglich unter Eure Augen treten.“ Der erste Teil war sogar fast die Wahrheit. Er hatte sich früher oft gewünscht, der Sohn des Schmieds zu sein und auch einiges von seinem Handwerk gelernt.
Sie lachte ein glockenhelles Lachen und antwortete mit einem belustigten Unterton:
„Wenn das so ist, bleibt lieber wo Ihr seid. Es ist allerdings schon fast dunkel. Ich muss zurück und kann heute Abend nicht mehr für Euch spielen, morgen vielleicht.“ Sie wandte sich ab und lief auf dem Weg zum Dorf herunter.
Alexander lehnte sich schwer an den Stamm der großen Buche. Sein Herz hämmerte noch immer heftig gegen seine Rippen und er fühlte sich, als wäre er den ganzen Berg hinaufgerannt. Sie hatte mit ihm gesprochen. So lange hatte niemand mehr mit ihm gesprochen, dass er ganz vergessen hatte, wie sich das anfühlte. Ihre Stimme war so freundlich und warm. Sie hatte keine Angst vor ihm gehabt und war nicht fortgelaufen. Sie hatte sogar gelacht, ein wundervolles helles Lachen, das ihn auf eine unbekannte Art berührt hatte. Und sie würde vielleicht morgen wieder herkommen. Das war alles so unglaublich. Ihr zartes Gesicht und ihre weiche Stimme hatten sich tief in sein Gedächtnis gegraben und er wollte am liebsten einfach hierbleiben, bis sie zurückkehrte. Zögerlich trat er an den Mauervorsprung und strich mit den Fingerspitzen über den rauen Stein, auf dem sie gesessen hatte. Würde sie wirklich morgen wiederkommen?