Der Anfang von "Akhmal" meinem unfertigen Fantasyroman.

Im Kerker

Schritte näherten sich aus dem dunklen Gang, der zu seinem Kerker führte. Nach einiger Zeit konnte er auch den flackernden Lichtschein erkennen, den die Lampe der Wachen aussandte. Schritte bedeuteten nie etwas Gutes und trotzdem war er jedes Mal erleichtert, wenn jemand kam. Auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick war, so versprachen die Schritte Licht und damit Erlösung von der undurchdringlichen Dunkelheit. Er war schon so lange hier gefangen, dass die lautlose Schwärze begann seine Seele aufzufressen und so war ihm alles recht, dass diesen bedrückenden Zustand für einen Augenblick vertrieb.
Meist kamen sie, um ihn zu den Kämpfen zu holen. Wenn er erfolgreich gekämpft hatte, bekam er auch eine Mahlzeit. Danach stießen sie ihn wieder in das dunkle Loch zurück und er konnte nur dasitzen und warten, bis irgendwann wieder Schritte ertönten. Es gab nichts, das ihm das Verstreichen der Zeit verraten hätte. Es wurde nicht heller oder dunkler und es gab auch keine anderen Geräusche, außer den Schritten im Gang. Wenn er hier wartete, versuchte er, sich möglichst wenig zu bewegen. Die Eisenfessel an seinem Handgelenk hatte schon vor langer Zeit die Haut durchgerieben und inzwischen jagte jede kleine Bewegung des Metalls auf seinem offenen Fleisch einen brennenden Schmerz durch seinen Arm.
Die Kämpfe im Käfig waren bis jetzt für ihn immer glimpflich ausgegangen. Ganz gleich, ob er gegen Menschen oder Tiere kämpfte, er hatte sie alle besiegt. Besiegt und getötet natürlich, denn er brachte es nicht über sich, seine Gegner am Leben zu lassen. Eigentlich hätte er durch die Übung und die körperliche Anstrengung besser werden müssen, aber da er nie ausreichend Essen oder Wasser bekam, wurde er trotz allem von Woche zu Woche schwächer. Schwäche konnte er sich nicht leisten. Wenn er schwach war, würde er schneller sterben, soviel war sicher.
Die Schritte kamen näher und seine Augen saugten gierig das Licht der kleinen Lampe auf. So weit die Eisenfessel es ihm gestattete, kroch er nach vorn zum Gang, um jeden Augenblick des wertvollen Lichts auszukosten. Er hatte vor kurzer Zeit bereits gekämpft und obwohl er nicht wissen konnte, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, war er doch sicher, dass sie ihn nicht schon wieder holten. Wozu sie gekommen waren, konnte er sich nicht vorstellen, aber es war nicht wichtig. Wichtig war nur, dass das Licht ihn für kurze Zeit davor bewahrte, in Dunkelheit und Verzweiflung zu versinken.
Lebendig würde er hier nie mehr heraus kommen, das war ihm schon lange klar. Irgendwann wäre sein Körper so ausgezehrt, dass es einem Menschen oder einem Tier gelingen würde, ihn zu überwältigen. Dann würde er im Käfig sterben. Er hoffte, dass es ein schneller Tod wäre und er nicht wie so viele Andere langsam krepieren müsste. Er hatte sie gesehen, die Verwundeten aus vorangegangenen Kämpfen, die sich auf dem Boden wanden und manchmal bis zum Gitter krochen, um das Publikum um Wasser anzuflehen. Es war das Vorrecht des Siegers, seinen Gegner zu töten. Wenn er das nicht tat, musste der Besiegte im Käfig bleiben bis er irgendwann an den Verletzungen starb oder einfach verdurstete. Stets hatte er dafür gesorgt, dass seine Gegner tot waren, ehe er die Arena verließ. Zumindest das war er ihnen schuldig.
Da ein schneller Tod seine einzige Hoffnung war und Dunkelheit seine einzige Gesellschaft, schnürte oft die Verzweiflung darüber, was von seinem Leben übrig geblieben war, seinen Brustkorb zusammen.
Nicht das er vor der Gefangennahme ein angenehmes Leben gehabt hatte. Auch Aussicht auf ein zukünftiges angenehmes Leben hatte nie in seinem Schicksalsbuch gestanden. Nicht bei dem, was er war.
„Bastard!“, schrie eine der Wachen zu ihm herüber. Das war der Name, den sie immer für ihn benutzt hatten. Es war der einzige Name, den er je gehabt hatte.
„Bastard, verzieh dich in deine Ecke, sonst schmeckst du die Peitsche.“ Ein Zischen fuhr durch die Luft, als der Wächter den dünnen Lederriemen auf ihn heruntersausen ließ, ohne ihm auch nur eine Möglichkeit zu geben, der Anweisung nachzukommen. Ein scharfer Schmerz schoss quer über sein Gesicht und an seinem Arm hinab, dann hatte er plötzlich das Gefühl, seine Hand würde abgerissen. Das Ende der Peitsche hatte sich in der Kette verfangen und als der Wächter daran zerrte, um sie zu lösen, drückte sich die Eisenfessel tief in die entzündete Wunde seines Handgelenks. Ein schmerzvolles Brüllen drang aus seiner Kehle, noch bevor er richtig verstand, was geschehen war.
„Dir werd ich´s zeigen, mich auch noch anzubrüllen!“ Der Wächter ließ die Peitsche in seiner Wut gleich noch drei Mal zischen, doch obwohl die gerade erst verschorften Stellen auf seiner Brust sofort wieder aufplatzten, drang dieses Mal kein Schmerzlaut mehr über seine Lippen. Als beim dritten Schlag wieder das Leder in der Kette hängen blieb und wieder das Eisen wie Feuer in seinen Arm biss, wurde er bewusstlos.
***
Jemand atmete. Irgendwer atmete ganz in der Nähe und außerdem roch er Essen und Wasser. Seine Sinne waren besser, als die der Menschen, aufgrund dessen, was er war. Nicht so gut wie die seines Akhmalvaters, aber deutlich besser, als die seiner Menschenmutter. Er hatte von fast allem die Hälfte bekommen und das machte ihn zu nichts. Er war weniger als nichts, denn er gehörte zu niemandem und hatte noch nicht einmal einen richtigen Namen, mit dem man ihn rufen konnte. Kein stolzer Akhmal würde jemals auch nur anerkennen, dass er mit seiner Rasse verwandt war und kein Mensch sah in ihm mehr, als ein wildes Tier, auch wenn sie die Akhmal niemals als Tiere bezeichnen würden.
Das Atmen war ruhig und gleichmäßig, so als ob die andere Person schlafen würde. Es roch nach Mensch, aber doch auch irgendwie anders, als alle Menschen, die er zuvor gerochen hatte. Sauberer irgendwie und angenehmer. Sofort krampfte sich sein Brustkorb wieder zusammen, vor Sehnsucht nach Gesellschaft, irgendwelcher Gesellschaft, ganz gleich ob Akhmal, Mensch oder irgendein Tier. Selbst die Gesellschaft einer Ratte wäre für ihn wie ein Lichtschein in seiner Einsamkeit gewesen.
Als Junge hatte er einmal eine Ratte gezähmt und einige Zeit hatte sie ihn wie ein Haustier begleitet. Nur bis sein Erschaffer sie bemerkt hatte. Dann hatte er der Ratte vor seinen Augen den Kopf abgeschlagen und er hatte zur Strafe zwei Nächte draußen schlafen müssen. Es war Winter und er war im Schnee beinahe erfroren, aber sein Erschaffer war überzeugt, dass sein Fell ihn schon vor der Kälte schützen würde.
Der Geruch des Essens und des Wassers, machten ihn beinahe schwindelig. Wenn er versuchte, sich ganz behutsam vorzutasten, könnte er es dann vielleicht erreichen, ohne die andere Person zu wecken? Sehr langsam drehte er sich herum und schob sich dann auf Händen und Knien vor, bis er das Ende der Kette erreicht hatte. Es war gleich hier, direkt vor ihm. Nur ein kleines Bisschen musste er sich noch strecken, dann könnte er es erreichen.
„Wenn du hungrig bist, schiebe ich es dir herüber, warte einen Moment.“ Bis ins Mark erschrocken fuhr er zusammen. In seinem verzweifelten Versuch die Quelle des wunderbaren Essensduftes zu erreichen, hatte er die andere Person vollkommen vergessen. Die Stimme war eindeutig weiblich und außerdem warm und weich. Sie fühlte sich an wie etwas, in das man sich an kalten Tagen einhüllen würde. Sofort vergaß er den Hunger und richtete all seine Aufmerksamkeit auf die Quelle dieser Stimme. Er hielt die Luft an und schickte ein schnelles Stoßgebet zu Akhim, dass sie bitte weitersprechen würde. Im nächsten Augenblick berührten ein Teller und ein Wasserkrug seine Hand. Mit zitternden Fingern nahm er beides, doch er wagte es nicht, ein Wort des Dankes zu äußern. Zu lange hatte er seine Stimme nicht mehr zum Sprechen benutzt. Brüllen im Kampf und Wimmern in der Nacht, wenn die Träume kamen, das waren seit sehr langer Zeit seine einzigen Lautäußerungen gewesen.
Gierig schlang er den faden Brei und den Kanten Brot herunter und leerte anschließend in einem Zug das Wasser. Seit Ewigkeiten hatte er keine zwei Mahlzeiten an einem Tag mehr bekommen und beinahe fühlte er sich satt. Akhmals aßen nur einmal am Tag, manche auch nur einmal an zwei Tagen, also hatten die Wächter beschlossen, dass er auch nicht öfter essen musste. Dass er zur Hälfte ein Mensch war und dass ein Ahkmal zu einer Mahlzeit riesige Mengen auf einmal verschlang, das hatten sie nicht so wichtig gefunden.
Die andere Person sagte nichts mehr, aber er konnte ihre Nähe mit seinem ganzen Körper spüren. Völlig still saß er einen Augenblick lang da und genoss mit geschlossenen Augen das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Der Wunsch sie zu berühren wuchs mit jedem Atemzug an, aber er wagte es nicht. Sie würde sein Fell spüren und seine langen, scharfen Krallen. Dann würde sie ganz sicher Angst bekommen und nicht so nahe bei ihm sitzen bleiben.
Bei dem Gedanken daran wie Menschen auf ihn reagierten, verschloss sich seine Miene sofort wieder. Sie hassten ihn, auch wenn ihm nicht klar war, warum. Der Rasse seines Vaters standen sie zwar meist ablehnend aber mit einer gewissen Ehrfurcht gegenüber. Das verwunderte nicht, denn selbst ein kümmerlicher Akhmal war noch deutlich größer und kräftiger als ein großer Mensch. Außerdem verfügten sie über wesentlich schärfere Sinne und eine geschmeidige Art sich zu bewegen, die die Menschen katzenhaft nannten. Auf eine sehr entfernte Art erinnerte das Äußere der Akhmal tatsächlich an die großen Katzen, die es in den Wäldern gab. Ungefähr so sehr, wie das Aussehen eines Menschen an einen Affen erinnerte. Ihre scharfen Krallen, die sie, anders als die Katzen auch einzeln ausfahren konnten, waren sehr gefährliche Waffen. Jeder Akhmal lernte schon als Kind sie effektiv einzusetzen.
Er selbst war aber nur die Hälfte von allem. Zwar war er größer und muskulöser, als die meisten Menschen und auch er verfügte über Krallen, aber seine Finger waren länger und die Krallenkraft daher schwächer. Außerdem war sein Fell wesentlich feiner und dünner und ihm wuchs auch im Winter kein dichter Unterpelz. Das Auffälligste war aber sein Gesicht. Die Augen ähnelten mehr einem Menschen und sie waren so blau wie die seiner Mutter. Mund und Nase hingegen sahen akhmalmäßig, also eher katzenhaft aus. Außerdem war sein Gesicht stärker behaart, als das eines Menschen, aber nicht vollständig wie das seines Vaters. Obwohl sein Fell auf den ersten Blick völlig schwarz war, schimmerte es in der Sonne bräunlich mit Kringeln aus dunkleren Haaren, wie er sie bei einem Panther schon einmal gesehen hatte.
Die Menschen betrachteten ihn ohnehin als widernatürlich und während sie Tieren gleichgültig oder sogar freundlich gegenüberstanden, erregte sein Anblick Abscheu und Ekel.
Er wollte nicht, dass diese Frau mit der außergewöhnlichen Stimme so über ihn dachte. Daher zog er sich nach seiner Mahlzeit leise wieder in die Ecke zurück, in der er sein Lager hatte.
„Ich hoffe, dein Hunger und Durst konnte ein wenig gemildert werden.“ Bei Akhim, sie hatte ihn nicht nur angesprochen, sie interessierte sich anscheinend auch noch dafür, wie es ihm ging. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihn je jemand danach gefragt hatte. Vielleicht wusste sie nicht, was er war, vielleicht hatte sie ihn im trüben Licht der Lampe des Wächters nicht erkennen können. Ein kleiner Funke Hoffnung glomm in ihm auf. Vielleicht könnte er einige Zeit vor ihr verbergen, was er war und sie würde ihn dann nicht hassen. Zumindest für ein paar Stunden. Zumindest bis die Wächter ihn zum nächsten Kampf holten und ihr Licht ihn verraten würde. Seine Stimme hörte sich zwar recht menschlich an, aber trotzdem traute er ihr nicht. So lange es möglich war, wollte er ihre Freundlichkeit genießen und daher durfte er sich auf keinen Fall verraten.
„Hm, hm“, brummte er zur Antwort und schob sich noch etwas weiter nach hinten. Zu gern hätte er näher bei ihr gesessen, aber dann hätte sie ihn vielleicht berührt und sein Fell gespürt. Also drückte er sich zusammengerollt in die Nische, in der seine Decke lag und horchte nur begierig auf ihr leises Atmen, während der zarte Duft ihrer Haut beinahe in den widerlichen Gerüchen des Kerkers unterging.
Die Dunkelheit verschlang ihn und betäubte seine Sinne. Peitschen hieben auf ihn ein und verzweifelt wand er sich, um ihnen zu entkommen. Ein riesiger Löwe schlug die Krallen in sein Fleisch und das Löwengesicht verwandelte sich im nächsten Augenblick in die Fratze eines Menschen, der ein Schwert in seine Eingeweide stieß. Dann lag er blutend am Boden des Käfigs. Matt hob er den Kopf und erkannte vor sich einen Krug mit Wasser, doch er war unfähig sich zu bewegen, unfähig danach zu greifen, wie sehr sein Durst ihn auch quälte. Er hörte eine Stimme, die ihn rief. Die Worte verstand er nicht, aber der Klang beruhigte seine aufgewühlte Seele. Durst und Schmerz waren verschwunden und er fühlte sich sicher und geborgen, obwohl er nicht erkennen konnte, woher die Stimme kam.
„Bastard, Zeit zu Kämpfen. Komm hoch, sonst mach ich dir Beine“ verwirrt schreckte er aus dem Traum auf und wusste einen Moment lang nicht, wo er war. Dann kehrte die Erinnerung mit eiskalter Schärfe zurück.
Hastig sah er sich um und entdeckte die zusammengekauerte Gestalt der Frau im schwachen Licht der Laterne.
„Bastard, träum nicht.“ Schon zischte die Peitsche, doch er sprang mit einem schnellen Satz außer Reichweite. Kaum hatte der Wachmann seine Fessel aufgeschlossen, drehte er sich schnell zum Gang und verschwand aus dem Lichtkegel der Lampe, die der zweite Wächter hielt. Vielleicht hatte sie ihn nicht richtig sehen können und vielleicht wusste sie nicht so genau, was der Wächter mit seinem Namen meinte. Vielleicht … Es war eigentlich hoffnungslos. Wenn er vom Kampf zurückkam, würde sie wissen, wer er war und ihn verabscheuen, wie alle Menschen. Mit hängendem Kopf trottete er den dunklen Gang entlang, bis das Tor sich vor ihm öffnete und das gleißende Licht der Sonne ihn zwang, kurz die Augen zu schließen. Gierig sog er die frische Luft ein, bevor der Kerl hinter ihm den Peitschengriff so hart in seine Rippen stieß, dass er beinahe hinfiel.
„Mach hin, Bastard. Sie warten nicht den ganzen Tag auf dich. Heute hast du eine besondre Ehre, du darfst zwei Mal hinter einander kämpfen.“ Sein Magen zog sich in Panik zusammen. Heute würde er sterben. Für zwei Kämpfe hinter einander hätte er niemals genug Kraft. Geblendet vom Licht stolperte er weiter, während der Wächter ihn immer wieder vorwärtsstieß.
„Sieh an, bist wohl schon so schwach, dass du nicht einmal mehr ordentlich laufen kannst. Dann wirst du ja kaum den Löwen Leu überleben, von Quirin mal ganz zu schweigen.“ Bei dem Namen Quirin hätten seine Knie beinahe endgültig nachgegeben. Dieser Kämpfer hatte den furchtbarsten Ruf, den man sich überhaupt vorstellen konnte, doch das Publikum liebte ihn. Quirin tötete seine Gegner nie und ein Kampf mit Quirin dauerte lange, sehr lange. Er schien es förmlich zu genießen, mit seinem Gegner zu spielen, ihn zu verletzen und zu quälen, bis er am Ende kraftlos am Boden des Käfigs liegenblieb. Quirins Gegner waren noch nie schnell gestorben. Er ließ sie bewegungsunfähig aber nicht lebensgefährlich verletzt zurück, so dass sie sich noch lange quälten, ehe sie endlich verbluteten oder verdursteten.
Es blieb ihm keine Zeit, weiter über Quirin nachzudenken, denn mit einem Knall schloss sich das Gitter des Käfigs hinter ihm. Gegenüber, bei der zweiten Gittertür stand der Löwe. Dieses Tier hatte bereits viele Kämpfe gewonnen und eine solche Berühmtheit erlangt, dass er sogar einen Namen hatte. Das hatte der Löwe ihm schon voraus. Er selbst hatte keinen Namen, er selbst war weniger als ein Ding. Kurz fühlte er sich in seinen Traum zurückversetzt, aber das Tier griff unverzüglich an und er hatte keine Zeit mehr, etwas anderes zu tun, als zu reagieren.

Käfigkämpfe

Im Kampf mit Tieren war er bisher immer am besten zurechtgekommen, wenn er ohne nachzudenken seinen Instinkten vertraut hatte und genau das war es, was er jetzt auch tat. Nur wenige Augenblicke benötigte er, um auf den Rücken der großen Katze zu gelangen und sich mit beiden Händen an der Mähne festzuklammern. Dann öffnete er die Rechte, glitt mit der Hand nach vorn zur Kehle des Tiers und fühlte durch die dichte Mähne nach seiner Gurgel. Er spürte das warme Fell unter seiner Hand und ließ die scharfen Krallen in die Haut des Tieres eindringen, doch im gleichen Augenblick warf der Löwe sich auf den Rücken und begrub ihn unter sich. Fassungslos riss er die Augen auf, während der Aufprall sämtliche Luft aus seiner Lunge presste. So etwas taten Tiere nicht. Bei einem Menschen hätte er damit gerechnet, aber nicht bei einem Löwen. Im Hintergrund hörte er, wie das Gejohle der Menge anschwoll und wie sie den Löwen anfeuerten. Hilflos nach Luft ringend versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, als die Katze auch schon aufgesprungen war und sich herumwarf. Kaum stand er, prallte der Körper des Löwen mit voller Wucht gegen ihn und begrub ihn wieder unter sich. Die Krallen gruben sich in seine Brust, während die Zähne nach seiner Kehle suchten. Mit den tief in seinen Muskeln steckenden Krallen des Löwen war er unfähig seine Arme zu heben. Die einzige Chance bestand darin, seine eigenen Krallen direkt in den Bauch des Tieres hinein auszufahren und dort einen möglichst großen Blutverlust zu verursachen. Mit aller Kraft spannte er seine Hände an und spürte in nächsten Moment, wie sich das warme Blut des Löwen über ihm ergoss. Ein Schaudern erfasste den Körper des Tieres und einen Atemzug später brach sein Blick. Unter dem schweren Körper der toten Katze gefangen, rang er wieder nach Luft und hörte wie der Ausrufer verkündete, beide Kämpfer hätten ihr Leben verloren. Nein, das stimmte nicht, er konnte aufstehen, er musste nur diesen Körper zur Seite bewegen. Mit einer verzweifelten Kraftanstrengung bäumte er sich auf, bis die tote Katze schließlich zur Seite rutschte. Dann erhob er sich und wankte unter dem Geschrei der Menge zum Tor. Sie mussten ihn herauslassen. Solange er allein zum Tor gehen konnte, durften sie ihn nicht hier verrecken lassen. Mit einem Ächzen fiel er gegen das Gitter, doch die tiefen Risse in seiner Brust, verhinderten, dass er die Arme hob, um sich daran festzuhalten. Langsam drängte Dunkelheit vom Rand her in sein Bewusstsein, doch er wehrte sich verzweifelt dagegen. Wenn er hier zusammenbrach, gäbe es keine Rettung mehr. Er versuchte zu rufen, doch nur ein heiseres Stöhnen stahl sich aus seinem Mund und wurde vom Gejohle der Menge verschluckt. Langsam sanken seine Lider herab, doch er versuchte seine letzten Kräfte zu sammeln, um mit dem Kopf gegen das Tor zu hämmern, als es plötzlich nachgab. Haltlos stürzte er nach vorn und fiel den beiden Wächtern direkt vor die Füße.
„Der Bastard ist ja komplett voller Blut, was für eine Sauerei.“ Vage hatte er das Gefühl, über den Boden geschleift zu werden, dann trafen ihn mehrere Güsse kalten Wassers.
„So, jetzt komm endlich hoch, wir können dich ja nicht den ganzen Weg tragen.“
„Ach, was solls, der ist ja nachher nochmal dran, lassen wir ihn doch einfach hier.“
„Das sind noch Stunden bis dahin. Hier liegt er nur im Weg herum. Schaffen wir ihn ins Loch.“ Er spürte die Peitsche, aber sein Körper zuckte nur zusammen und verweigerte ansonsten den Gehorsam.
„Das hat keinen Zweck, Mann. Du kannst dich jetzt mit der Peitsche verausgaben, oder du packst mit an.“ Wieder wurde er über den Boden gezogen und dieses Mal wurde es dunkel um ihn.
***
Eine Hand lag auf seiner Brust, nein ein ganzer Arm. Er war warm und ein angenehmes Ziehen breitete sich von dort aus in seinem ganzen Körper aus. Unbeweglich blieb er liegen und versuchte festzustellen, wo er war. Er lag auf dem Rücken direkt auf der Erde. Es war stockdunkel und der Geruch erinnerte ihn sofort an seinen Kerker. Aber da war noch ein anderer Geruch, der Duft dieser Frau und er war ganz nah. Plötzlich wurde ihm klar, dass es ihr Arm sein musste, der auf seinem Körper lag und unwillkürlich beschleunigte sich seine Atmung. Er hatte gekämpft, er war schwer verletzt worden und hatte dann das Bewusstsein verloren. Wie konnte er sich jetzt so gut und so stark fühlen? Vorsichtig versuchte er, einige Muskeln anzuspannen, und wartete auf den Schmerz. Er kam nicht. Was war das für ein Wunder? Gerade versuchte er, sich darüber klarzuwerden, was geschehen war, da hörte er schon wieder Schritte im Gang. Kurz nach den Schritten kam auch das flackernde Licht und er sah die Frau zum ersten Mal richtig. Sie war jung und schmal. Ihre Haut schien hell zu sein doch die langen, braunen Haare verbargen einen Teil ihres Gesichts. Sie rührte sich nicht und auch, als er nach ihrer Hand griff, die auf seinem Fell lag, zeigte sie keine Reaktion. Inzwischen waren die Wachen herangekommen und starrten entgeistert auf ihn herunter.
„Sie hat es wieder getan. Sie hat es für ihn getan, warum nur?“
„Das hat sie niemals freiwillig gemacht. Der Bastard muss sie gezwungen haben.“
„Wir hätten ihn anketten müssen, aber er war doch bewusstlos. Ich hätte nicht gedacht, dass er überhaupt noch lebt mit den Verletzungen. Los legen wir sie auf das Lager und dann ab mit ihm, in die Arena.“ Vorsichtig, fast schon ehrfürchtig legten die beiden Wachen die Frau in ihrer Nische auf die Decke, dann drehten sie sich zu ihm herum, aber noch ehe der Eine die Peitsche heben konnte, war er aufgesprungen, um in die Arena zu gehen. Die Wunde an seinem Handgelenk und auch die Peitschenstriemen auf seinem Rücken spürte er noch deutlich, aber die tiefen Wunden von den Krallen des Löwen waren fast vollständig verschwunden und auch die alten Verletzungen von der Peitsche auf seiner Brust waren beinahe verheilt. Außerdem fühlte er sich so stark und voller Energie, wie schon lange nicht mehr. Hatte sie das wirklich getan, wie die Wachen vermuteten? Aber von einer solch unglaublichen Fähigkeit zu heilen, hatte er noch nie gehört. Wäre sie nicht im ganzen Land bekannt, wenn sie ein solches Talent hätte? Was tat sie überhaupt im Kerker? Wer war sie?
Wieder knallte das Gittertor hinter ihm zu und dieses Mal sah er sich seinem schlimmsten Albtraum gegenüber. Quirin grinste ihn auf eine Weise an, die trotz der Hitze einen kalten Schauer über seinen Rücken schickte. Dann sprang der Schwertkämpfer vor und ritzte mit der Spitze des Schwerts seinen Oberschenkel. Die Wunde war nicht tief, aber sie brannte wie flüssiges Feuer. Kurz fragte er sich, ob die Schwertschneide mit irgendetwas präpariert war, aber für diese Frage hatte er nicht viel Zeit, denn sofort riss das Schwert eine weitere Wunde und Quirin tänzelte wieder außer Reichweite seiner Krallen zurück.
Schon von Beginn an hatte das Publikum Quirin angefeuert. Sie schienen ihn zu feiern, wie einen Helden und je länger der Kampf sich hinzog, desto frenetischer wurde ihr Rufen. Viele Male hatte das Schwert in schon getroffen und nur selten war ihm so etwas wie ein Gegenangriff gelungen. Ein paar oberflächliche Kratzer hatte er seinem Gegner zufügen können und eine tiefere Wunde im rechten Bein schien ihm inzwischen Probleme zu bereiten. Nach einem Schwertstreich sprang er nicht mehr ganz so behände zurück und Wut über den Verlauf des Kampfes zeichnete inzwischen das Gesicht des Mannes. Mit ausgefahrenen Krallen und schwer atmend stand er da und erwartete den nächsten Angriff. Inzwischen war sein Fell nass von seinem eigenen Blut und er hatte das Gefühl, am ganzen Körper in Flammen zu stehen. Dutzende brennender Schnitte spürte er überall und bei jedem Atemzug musste er das schmerzvolle Heulen unterdrücken, das in seiner Kehle festsaß. Wenn er sich bewegte, wurde das Brennen stärker, so dass er nur noch wie erstarrt abwarten konnte, was Quirin als Nächstes tun würde. Er wusste, wie es weiter gehen würde. Nur noch wenige Schnitte könnte er verkraften, ehe er zusammenbrechen würde. Quirin würde als gefeierter Held den Käfig verlassen und er läge tagelang bewegungsunfähig da, bis sein Körper in der Sonne so ausgedörrt wäre, dass sein Herz aufhören würde zu schlagen. Er hatte keine Chance zu gewinnen, nicht die geringste, aber er wollte auf keinen Fall so elendig krepieren. Also tat er, was ihm als der letzte Ausweg erschien. Er sammelte seine verbliebene Kraft und stürzte sich mit einem lauten Brüllen direkt in Quirins Schwert. Der wich erschrocken zurück, aber der Ansturm war so wild, dass er keine Möglichkeit hatte, auszuweichen. Das Schwert bohrte sich in sein Fell und der infernalische Schmerz ließ ihn noch ein weiteres Mal aufbrüllen. Mit beiden Armen umschlang er seinen Gegner, um ihn und das Schwert gegen seinen Körper zu ziehen, und dann riss er ihm mit allen zehn Krallen zugleich den Rücken auf. Quirins wutverzerrtes Gesicht direkt vor seinem, erinnerte ihn plötzlich wieder an seinen Traum und wie in einem Reflex stieß er den Mann von sich. Bebend stand er vor seinem Gegner und war vollkommen darauf konzentriert, trotz des Schmerzes weiter zu atmen. Blut floss von seiner Seite hinunter und verwundert stellte er fest, dass das Schwert sich nicht in seine Lunge gerammt, sondern nur seitlich über seinen Rippen das Fell aufgerissen hatte. Erst dann sah er, dass Quirin wie eine leblose Puppe in sich zusammengesunken war. Der Boden unter dem Körper färbte sich rot und das Brüllen der Menge wurde in seinen Ohren beinahe zu einem Orkan.
***
Wie er in den Kerker zurückgekommen war, wusste er nicht mehr, aber die Stimme riss ihn wieder aus der Dunkelheit eines furchtbaren Traumes.
„Komm etwas näher, dann kann ich dir helfen.“ Wieder war da der Geruch von Suppe, Brot und Wasser und mit Macht erinnerte sich sein Körper daran, dass er nach dem Kampf noch nichts gegessen und getrunken hatte.
„Durst“, krächzte er und erschrak selbst darüber, dass es nur wie ein raues Stöhnen geklungen hatte.
„Komm herüber, ich kann dich da hinten nicht erreichen.“ Vorsichtig setzte er sich auf und stellte überrascht fest, dass der unnatürliche Schmerz von den Schnitten verschwunden war. Selbstverständlich spürte er sie noch und vor allem der tiefe Schnitt über seinen Rippen quälte ihn bei jedem Atemzug. Aber das war der normale Schmerz, den er von solchen Verletzungen kannte, und nicht dieses unerträgliche Brennen, das nur Quirinus Schwert erzeugen konnte. Langsam schob er sich näher zu dem Ort, von dem die Stimme gekommen war, bis er mit einer Hand gegen den Krug stieß. Gierig griff er zu und trank ihn bis auf den letzten Tropfen aus, ehe er die Schüssel ertastete und hastig das Essen in sich hineinstopfte. Dann lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand und schloss die Augen. Schweigend genoss er die Nähe der Frau, die er mit seinem ganzen Körper spüren konnte. Seine Gedanken wanderten zu der seltsamen Situation zwischen den beiden Kämpfen. Waren die Verletzungen doch nicht so schwer gewesen, wie er geglaubt hatte? Waren vielleicht die Krallen des Löwen ebenfalls präpariert gewesen, so dass der Schmerz stärker war, als gewöhnlich. Vielleicht hatte er sich die Sache mit der Heilung nur eingebildet. So etwas gab es doch nicht wirklich.
„Geht es dir jezt besser?“ Sei Herzschlag beschleunigte sich schon wieder, allein durch den Klang ihrer Stimme. Sie wollte wirklich wissen, ob es ihm gut ging. Wärme breitete sich bei dieser Vorstellung aus und eine aberwitzige Hoffnung setzte sich in ihm fest. Vielleicht würde sie ihn nicht hassen, selbst wenn sie wüsste, was er war. Vielleicht … vielleicht könnte er sogar ein wenig mit ihr sprechen.
„Ich danke sehr für Eure Güte.“ Seine Stimme hörte sich noch viel furchtbarer an, als er befürchtet hatte. Hart und kratzig, eher einem Räuspern ähnlich als einem Satz. Er fragte sich augenblicklich, ob sie ihn überhaupt verstanden hatte.
„Dein zweiter Kampf ist also besser verlaufen, als der Erste?“ Was wusste sie von seinen Kämpfen? Hatte sie das aus seinen Verletzungen geschlossen, oder sprach er jetzt schon im Schlaf? Auf jeden Fall hatte die wundersame Heilung ihm überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, im zweiten Kampf zu bestehen. Mit zerfetzter Brust wäre er wahrscheinlich ohne einen einzigen Angriff vor Quirin zusammengebrochen. Er würde behutsam vorgehen, um herauszubekommen, was wirklich zwischen den Kämpfen geschehen war.
„Vielen Dank, Eure Berührung hat mir sehr geholfen. Ich stehe in Eurer Schuld.“ Ein verzagtes Seufzen durchschnitt die Dunkelheit, bevor er eine Antwort bekam.
„Nein, du stehst keineswegs in meiner Schuld, es ist eher umgekehrt, aber das ist eine lange Geschichte, darüber möchte ich lieber nicht sprechen.“ Fassungslos starrte er in die Dunkelheit. Wovon redete sie? Er war ihr ganz sicher noch nie zuvor begegnet, denn diese Stimme hätte er niemals wieder vergessen. Wie konnte sie in seiner Schuld stehen? Wie konnte überhaupt irgendwer in seiner Schuld stehen? Wer war sie?
„In der Dunkelheit kann ich Euch nicht erkennen, aber ihr wählt die Worte wie eine hohe Dame. Ich denke nicht, dass wir uns bereits begegnet sind.“ Ein leises Lachen ertönte, und er wünschte, er könnte es festhalten um sich daran zu wärmen.
„Nein, wir sind uns noch nicht begegnet und doch, habe ich eine Schuld auf mich geladen …“ Sie verstummte abrupt und er hörte, wie sie die Füße zu sich heranzog.
„Darf ich erfahren, wer Ihr seid? Ich würde mich wirklich geehrt fühlen, Euren Namen zu erfahren.“ Wieder lachte sie.
„Du musst nicht so reden, nur weil ich… Ach tu einfach so, als wäre ich eine ganz gewöhnliche Dienerin und nenn mich Malina.“ Diesen Namen hatte er noch nie gehört und er war auch nicht sicher, dass sie ihm ihren wirklichen Namen genannt hatte. Es war nicht wichtig, für ihn würde sie Malina sein und er genoss es, ihren Namen auszusprechen.
„Malina ist ein sehr schöner Name, aber ich könnte niemals denken, dass Ihr eine gewöhnliche Dienerin seid.“ Er stockte und überlegte verzweifelt, wie er sie dazu bringen konnte weiter zu sprechen. Seit er in diesem Verlies war, hatte er sich nicht so leicht und gelöst gefühlt, wie beim Klang ihrer Stimme.
„Bitte lass die förmliche Anrede. Ich bin einfach nur Malina und gut. Hast du auch einen richtigen Namen, abgesehen, von dem, mit dem sie dich rufen?“ Schlagartig war jedes leichte und gelöste Gefühl verschwunden. Also wusste sie doch, wer er war. Wie konnte das sein? Wieso sprach sie freundlich mit ihm? Verwirrt schüttelte er den Kopf, ehe er mit sehr leiser Stimme antwortete.
„Es hat sich nie jemand die Mühe gemacht, mir einen Namen zu geben. Der, mit dem sie mich rufen, beschreibt mich deutlich genug, einen Weiteren brauche ich nicht.“ Schweigen breitete sich aus und er versank in der Erinnerung an seinen Erschaffer, der ihn zum ersten Mal Bastard gerufen hatte.
Er hatte den Namen Sjardok getragen und war ein riesengroßer, hagerer Mann mit langen aschgrauen Haaren und dürren, knochigen Händen. Man sagte, er wäre ein Magier, denn auf eine natürliche Weise hätte man Akhmal und Menschen niemals kreuzen können. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, es hätte mehrere Frauen gegeben, die von dem riesenhaften Akhmalmann mit dem nachtschwarzen Fell in einem aufwendigen Beschwörungsritus bestiegen worden waren, aber sie wären nicht alle schwanger geworden. Er war das einzige Baby, das in dem Jahr geboren wurde und Sjardok wäre deshalb sehr stolz auf sie gewesen. Jedes Jahr wurde seine Mutter wieder zu dem Ritus gerufen und jedes Mal wurde sie wieder schwanger, aber die Schwangerschaften zehrten ihre Gesundheit auf und niemals wieder hatte sie ein lebensfähiges Baby zur Welt gebracht. Als er acht Jahre alt war, hatte seine Mutter eine so schwere Geburt, dass sie anschließend starb. Er hatte das kleine Mädchen kurz in den Armen gehalten und sich gefragt, ob er selbst als Baby auch so ausgesehen hatte. Mit feuchtem, verstrubbelten Fell hatte sie in seinem Arm gelegen und ihn mit großen Augen angesehen. Er hatte versucht, seine kleine Schwester mit seinem Körper zu wärmen, aber nach wenigen Minuten hatte sie einfach aufgehört zu atmen. Ihm wurde wieder übel, wie immer, wenn er sich an diesen Tag erinnerte.
„Ich werde dich Jaro nennen. Das passt gut zu dir, denn das Licht in der Nacht wirst du sein. Es gibt da eine Prophezeiung …“ Sie ließ das Ende des Satzes offen. Fragend drehte er den Kopf in die Richtung, aus der ihre warme Stimme klang. Einen Augenblick lang verstand er nicht, wovon sie sprach, erst dann begriff er, dass sie ihm gerade einen Namen gegeben hatte. Mehrmals musste er hart schlucken und nur langsam konnte sein Kopf sich an diesen neuen Gedanken gewöhnen. Er hatte niemals damit gerechnet, einen Namen zu bekommen und doch hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht. Ein Name bedeutete, dass er eine Person war, kein Ding mehr, kein namenloses Etwas, das nichts bedeutete. Sein Herzschlag raste und irgendetwas brannte hinten in seinen Augen. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber alle Worte waren aus seinem Kopf verschwunden. Nur ein seltsamer Laut wie ein Keuchen mit einem leisen Jaulen kam über seine Lippen und plötzlich befeuchteten Tränen sein Gesichtsfell. Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, ehe er seine Stimme wiederfand.
„Jaro“ wiederholte er und dann noch einmal. „Jaro.“ Es fühlte sich richtig an, so als ob der Name schon immer da gewesen wäre, es hätte ihn nur noch niemand ausgesprochen.
„Ja, es klingt gut“, stellte sie fest und er hörte an ihrer Stimme, dass sie lächelte.
„Danke.“ Mehr konnte er nicht sagen, denn es gab keine Worte, mit denen er hätte ausdrücken können, wie viel es ihm bedeutete, einen Namen zu haben. Schweigen breitete sich in der Dunkelheit aus und es war ein angenehmes, ein freundliches Schweigen. Plötzlich erinnerte er sich an die zweite Hälfte ihres Satzes.
„Ich kann kein Licht in der Nacht sein, ich werde sehr bald hier sterben.“ Er hasste es, den wundervollen Gedanken, den sie mit seinem Namen verband zu zerstören, aber er konnte auch nicht so tun, als gäbe es Hoffnung.
„Du wirst nicht hier sterben, du wirst das Licht für beide Völker sein, in der Nacht die kommt. Du hast noch eine wichtige Aufgabe, Jaro. Eine sehr weise Frau hat mich vor Kurzem aufgesucht und mir das erklärt, du musst daran glauben.“ Er konnte ihr nicht widersprechen. Es war so sinnlos und doch so wunderbar, sich dieser Vorstellung hinzugeben. Er brachte es einfach nicht fertig, Ihre Worte mit der kalten, nackten Wahrheit zu erschlagen, dass sie beide dieses dunkle Loch niemals lebend verlassen würden. Mit geschlossenen Augen lehnte er den Kopf an die Wand und versuchte, von einem zukünftigen Leben zu träumen.
Ein großer Akhmal mit glänzendem schwarzem Fell, das an wenigen Stellen bereits eine leichte Grautönung hatte bewegte sich elegant zwischen den Bäumen hindurch. Schließlich baute er sich vor ihm auf und sah mit undurchdringlicher Miene auf ihn herab.
„So, du bist das also, Jaro“, stellte er fest und gab kurz ein freundliches Geräusch von sich, dass wie ein Schnurren klang.
Schritte im Gang rissen ihn wieder aus seinem Traum. Er saß noch immer mit dem Rücken an der Wand neben der Frau, die Malina hieß. Mit beiden Händen hielt sie sein Handgelenk umfasst, an der Stelle, wo die Fessel die tiefe Wunde gerieben hatte. Bewegungslos verharrte er, wagte es kaum zu atmen und genoss das Gefühl ihrer wunderbaren Berührung. Der Lichtkegel des Wächters traf ihre zarte Gestalt und er starrte entsetzt auf die tiefe, entzündete Wunde an ihrem Handgelenk. Wieder war sie bewusstlos und dunkle Ringe unter ihren Augen ließen ihr Gesicht gespenstisch bleich erscheinen. Der Wächter schüttelte nur den Kopf und stellte das Essen hin. Dann nahm er den anderen Teller und Krug auf und wandte sich zum Gehen. Einen letzten Blick warf er auf Malina und dann sah er ihn an.
„Ich weiß nicht, wie du sie dazu zwingen kannst. Freiwillig würde sie das niemals für einen wie dich tun, schließlich muss sie deine Schmerzen erleiden. Als sie meinen Sohn gerettet hat, wäre sie beinahe selbst gestorben.“ Er sah auf Teller und Krug. „Immerhin scheint sie wenigstens ordentlich zu essen. Das ist auch nicht ihre Stärke, normalerweise.“ Damit drehte er sich um, nahm den flackernden Lichtkegel mit und überließ Jaro der Dunkelheit und seinen Gedanken.
***

Erinnerungen

Malinas Handgelenk brannte wie Feuer, aber es war nur gerecht, wenn sie seinen Schmerz nahm. Niemals würde sie die grauenhafte Schuld tilgen können, die sie auf sich geladen hatte, ganz gleich wie viele seiner Verletzungen sie noch übernehmen würde. Sie heilte schneller, als andere Menschen, nur deshalb konnte sie überhaupt diese Dinge tun, es hätte sie sonst längst umgebracht. Die tiefe Wunde über ihren Rippen war bereits zum Teil geschlossen, bevor sie sein Handgelenk berührt hatte. Sie hatte auf die harte Weise lernen müssen, dass sie ihre Gabe nur gut dosiert anwenden durfte. Bereits mehrmals war es ihr beinahe zum Verhängnis geworden, dass sie mehr auf sich geladen hatte, als ihr Körper ertragen konnte. Eigentlich musste sie zwischen den Heilungen eine ganze Woche zur Regeneration einplanen, wenn die Verletzungen so schwer waren. Was sie hier mit Jaro tat, brachte sie schon wieder gefährlich nahe an ihre Grenze. Aber sie musste das heute tun, er wäre gestorben, wenn sie ihn nicht zwischen den Kämpfen geheilt hätte. Natürlich wäre er erst gar nicht in die Gefahr geraten, zu sterben, wenn sie nicht sein Leben vollkommen zerstört hätte.
Es war einzig und allein ihre Schuld, dass ihre Männer losgezogen waren um diesen furchtbaren Magier Sjardok aus dem Verkehr zu ziehen. Sie hatte erst vor Kurzem von den Versuchen gehört, die er schon seit vielen Jahren mit Menschen und Akhmal anstellte und davon, dass missgebildete und nicht lebensfähige Babys geboren wurden. Auch die Frauen überlebten die Geburt nicht immer und in all den Jahren hatte er dutzende Frauen und unzählige Kinder auf dem Gewissen. Sie wollte, dass das aufhörte. Diese grausamen Experimente mussten endlich ein Ende haben, aber er sprach stets davon, dass es möglich wäre eine neue, bessere Rasse zu schaffen und war mit nichts zu bewegen, damit aufzuhören. So hatte sie schließlich ihre Yeniceri losgeschickt, um ihn aufzuhalten. Dass eins der ersten Babys damals überlebt hatte und inzwischen zu einem Mann herangewachsen war, erfuhr sie erst nach dem Einsatz. Da hatte ihr Bruder bereits von ihrer Aktion Wind bekommen und den Akhmalbastard in den Kerker werfen lassen. Was sie auch versuchte, sie hatte keine Möglichkeit, ihn wieder zu befreien.
„Er ist widernatürlich. Es darf solche wie ihn nicht geben. Am besten wäre es, er würde schnell im Käfig sterben.“
Ihr Bruder Kalev verstand nicht, dass der Bastard nicht die Schuld an seiner Existenz trug und das man ihn nicht für Sjardoks Verfehlungen bestrafen durfte.
„Kalev, das kannst du nicht machen. Außerdem ist er als halber Akhmal sehr stark und wird sich niemals von einem Menschen oder einer Katze besiegen lassen.“
„Da hast du völlig Recht. Wir werden ihn also mit der Zeit auszehren müssen, bevor ein Krieger oder ein Löwe ihn töten kann. Ohne ausreichende Rationen wird er mit der Zeit schon schwächer werden.“ Kalev lachte auf. „Die Akhmal essen doch angeblich nur jeden zweiten Tag, da wird unser Bastard doch wohl mit jedem dritten oder vierten Tag Nahrung auskommen. Inzwischen wird er das Volk unterhalten und so ist diese Missgeburt immerhin noch zu etwas nütze.“ Wieder lachte er und ihr wurde beinahe übel, bei der Erinnerung daran, dass er diese Käfigkämpfe tatsächlich genoss. Verurteilte Schwerverbrecher von Raubkatzen töten zu lassen, hatte eine lange Tradition in ihrer Gesellschaft, aber erst ihr Bruder hatte mit den Käfigkämpfen ein Publikumsspektakel daraus gemacht.
„Bei Akhim! Du kannst ihn doch nicht auch noch wochenlang foltern. Das darfst du nicht tun, er hat doch gar nichts verbrochen.“ Ihr Bruder fuhr herum und starrte sie an.
„Er existiert und ist allein dadurch eine genauso große Bedrohung für unsere Gesellschaft wie jeder dieser Mörder und Diebe. Das mit dem Foltern ist übrigens eine gute Idee. Regelmäßige Auspeitschungen werden auch seinen störrischen Geist schneller brechen.“ Malika standen vor Wut die Tränen in den Augen und sie warf die Arme in die Luft, als ob sie ihrem Bruder an die Kehle gehen wollte.
„Nein Kalev, ich werde das nicht zulassen. Du überschreitest deine Befugnisse. Wir sollen gemeinsam die Geschicke des Landes lenken, das hat unser Vater nicht ohne Grund so bestimmt. Du kannst das nicht ohne meine Zustimmung tun.“ Kalevs Augen funkelten, er trat zwei Schritte vor und überragte Malina beinahe um einen ganzen Kopf. Drohend beugte er sich über sie.
„So langsam reicht es mir. Nichts, aber auch Garnichts kann ich ohne deine Zustimmung tun. Ich denke, unser Vater war bereits senil, als er das bestimmte. So kann man kein Land führen, schon gar nicht, wenn es auf einen Krieg zusteuert.“ Malinas ganze Gestalt bebte vor Wut, aber sie wusste, wann sie geschlagen war. Der Anführer der Truppen stand auf Kalevs Seite und ihr standen nur die paar Yeniceri zur Verfügung. Auch wenn es ihr widerstrebte, musste sie behutsam mit dem Temperament ihres Bruders umgehen, wenn sie keinen Bürgerkrieg vom Zaun brechen wollte. Schon die wachsende Bedrohung durch die Akhmal war Kriegsgefahr genug, ohne dass sich die Herrschergeschwister auch noch zerstritten.
Mehrmals hatte sie das Thema in den nächsten Wochen noch angeschnitten, aber jedes Mal wurde ihr Bruder wütender bis er schließlich bestimmte:
„Weißt du was, du furchtbare Nervensäge? Ab jetzt wird dein ach so geliebter Bastard jedes Mal ausgepeitscht, wenn du mich nach seiner Freilassung fragst. Wie gefällt dir diese Idee?“ Mit einem Klos im Hals wandte sie sich von ihrem selbstgefälligen Bruder ab und begann, über andere Möglichkeiten nachzudenken. Die Anordnung ihres Bruders, dass der Bastard nur jeden dritten Tag essen durfte, hatte sie bereits ohne sein Wissen geändert. Bei Nachfrage würde die Wache stets behaupten, heute wäre der dritte Tag. Da der Wachmann tief in ihrer Schuld stand, gab er sich Mühe, ihre Anweisungen so gut und so heimlich wie möglich auszuführen. Allerdings konnte er nicht immer seinen sadistischen Kollegen vom heftigen Gebrauch der Peitsche abhalten.
Malina hatte sich immer geweigert, die Käfigkämpfe anzusehen, weil sie dieses furchtbare Gemetzel nicht ertragen konnte. Trotzdem mischte sie sich seit der Gefangennahme des Bastards immer unter das Volk, um zumindest zu sehen, dass er die Kämpfe überlebte.
Dann war der Tag gekommen, an dem sie die Taten ihres Bruders nicht mehr länger ertragen konnte. Die Akhmal sandten einen Vertreter, um einige Vorfälle an den Grenzen zu klären. Malina hatte schon vorher den Verdacht gehabt, dass diese Vorfälle von den Leuten ihres Bruders provoziert worden waren. Der Gesandte Argon, ein Verwandter des Königshauses, kam nur mit zwei Leibwächtern und einigen Bediensteten, da er nicht mit einem heimtückischen Angriff auf sein Leben rechnete. Ihr Bruder hatte allerdings geplant, dass er und sein ganzes Gefolge in einen Hinterhalt gelockt und umgebracht werden sollten. Anschließend wollte er Argon eine Provokation unterstellen, die durch eine unglückliche Verkettung der Umstände zum Tod der Akhmals geführt hätte. Malika erfuhr von diesen Dingen durch ihre Zofe, die es wiederum von Kalevs Kammerdiener gehört hatte. So sah sie sich gezwungen, am späten Abend zu den Unterkünften der Gäste zu schleichen und leise anzuklopfen.
Ein Diener mit schwarzem Fell öffnete und sah mit unverhohlener Überheblichkeit auf sie herunter.
„Guten Abend. Ich bin Malina, die Mitregentin und Schwester von Kalev. Wäre es vielleicht möglich, dass ich den Gesandten Argon sprechen kann?“ Der Angesprochene zuckte irritiert mit den Schnurrhaaren, ehe er antwortete.
„Wir wissen, wer Ihr seid, allerdings denke ich nicht, dass der Gesandte heute Abend noch Besuch empfängt, Ihr solltet morgen beim offiziellen Essen mit ihm sprechen können.“ Noch nie hatte ein Bediensteter es gewagt, so mit ihr zu reden. Trotzdem musste sie sich zusammenreißen, denn Unfreundlichkeit hätte sie ihrem Ziel nicht näher gebracht. Also pflasterte sie ein breites Lächeln auf ihr Gesicht, zeigte dabei wie unabsichtlich ein klein wenig die Zähne und bat noch einmal:
„Es ist wirklich von äußerster Dringlichkeit und ich fürchte diese Angelegenheit kann auf keinen Fall bis morgen warten.“ Der Diener zuckte sichtbar vor der Drohung, die das Zeigen der Zähne bedeutete zurück, widersprach dann aber entschieden.
„Nichts kann so dringlich sein, dass der Gesandte deswegen heute Abend noch gestört werden dürfte. Das Protokoll sieht es auch gar nicht vor, dass der Gesandte sich mit einer Frau trifft.“ Bei dem Wort ‚Frau‘ triefte seine Stimme förmlich vor Abscheu und Malina betete im Stillen, dass Argon selbst nicht zu der konservativen Gruppe Akhmal gehörte, bei denen Frauen noch immer als Lebewesen ohne eigene Rechte betrachtet wurden. Gerade setzte sie zu einer Erwiderung an, als ein leises, aber kehliges Knurren den Diener zusammenfahren ließ. Eilig trat er zur Seite und verbeugte sich tief. Verstohlen musterte Malika den Gesandten, den sie bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte und bewunderte insgeheim seine elegante Gestalt, die in dem goldbraunen Fell wie eine in Traminz gehauene Statue von Akhim wirkte.
„Mein Herr, es liegt nur ein Missverständnis vor. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.“ Hastig schloss Malina ihre Lippen und achtete sorgfältig darauf, trotz des Lächelns die Zähne verborgen zu halten. Mit einer tiefen Verbeugung wandte sie sich dem Gesandten zu, doch noch ehe sie etwas sagen konnte, richtete er sein Wort an sie.
„Hoheit, es ist mir ein Vergnügen, Euch heute Abend begrüßen zu dürfen. Euer Besuch freut mich außerordentlich, denn ich hatte ohnehin geplant, einige Dinge mit Euch zu besprechen.“ Seinen Worten folgte ein kurzes, freundliches Schnurren und eine einladende Handbewegung. Sie versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen, und folgte seiner Aufforderung einzutreten. „Ich muss mich für das abweisende Verhalten meines Dieners entschuldigen. Leider verursacht unser Auftreten unter den Menschen, die unsere Art nicht kennen oft Irritation. Ich möchte Euch bitten, das nicht persönlich zu nehmen. Er hat es sicherlich nicht so gemeint.“ Auch wenn der Gesandte sehr höflich war und sie wusste, dass sie besser eine Faust in der Tasche machen sollte, konnte sie die herablassende Art seines Dieners nicht unkommentiert lassen.
„Oh, ich bin sicher, insbesondere den letzten Satz hat er ganz genau so gemeint, doch ich bin auch sicher, dass nicht alle Akhmal diese Meinung über Frauen haben.“ Das Lächeln auf ihrem Gesicht fühlte sich falsch an, angesichts der Wut, die in ihr brodelte. Sie musste das Gespräch schnell in ruhigeres Fahrwasser lenken. „Mich würde es aufrichtig freuen, wenn unsere Arten mehr gesellschaftlichen Umgang pflegen würden, dann könnten viele der Probleme zwischen den Völkern in anderem Licht erscheinen.“ Damit hatte sie ein deutliches Statement gegen die Abschottungspolitik der Akhmal gebracht. Wieder ein Fettnäpfchen. Hoffentlich würde der Gesandte ihr überhaupt noch zuhören, wenn sie zum eigentlichen Punkt ihres Besuches kam.
„Mein Diener hat mich nur vor allzu neugierigen Menschen schützen wollen, die noch nie jemanden unserer Art begegnet sind. Natürlich würden solche Probleme gar nicht erst aufkommen, wenn wir uns öfter gegenseitig besuchen würden. Darf ich Euch zu einem Gegenbesuch an unserem Hofe einladen, um auf diesem Wege eine neue Tradition der Begegnung zu beginnen?“ Wieder schnurrte Argon, um den freundlichen Ton seiner Worte zu unterstreichen und wieder ließ ungläubiges Staunen sie kurz die Luft anhalten. Es war allgemein bekannt, dass ihr Bruder den Akhmal nicht wohlgesonnen war. Dass hier plötzlich gegenseitige Besuche zur Sprache kamen, ließ einiges über Argons Meinung zu ihrem Bruder erahnen. Dieser Gesandte steckte tatsächlich voller Überraschungen. Vielleicht wäre es am besten, wenn sie ihm gegenüber einfach ganz offen sprach.
„Ich bin überrascht, dass wir beide eine Ansicht teilen, die in unseren jeweiligen Völkern so unpopulär erscheint. Gern werde ich bei Gelegenheit zu einer Verbesserung der Beziehungen beitragen. Allerdings muss ich zunächst den Grund für meinen Besuch zur Sprache bringen.“ Argon nickte und wies auf den Boden.
„Ich sehe, wir scheinen einige Gemeinsamkeiten zu haben. Wir wollen uns niederlassen und den Abend mit einem Getränk in entspannter Art fortsetzen.“ Die Räume waren bereits für die Bedürfnisse der Gäste umgestaltet worden, daher gab es in der Sitzecke keine Sessel oder Sofas mehr, sondern nur weiche Decken und Kissen. Malina ließ sich im Schneidersitz auf der Decke nieder und beobachtete fasziniert, wie Argon sich ihr gegenüber beinahe einrollte. Diese Haltung nahm ein Akhmal eigentlich nur unter seinesgleichen ein und auch nur, wenn er völlig entspannt war. Sie spürte, dass der Gesandte alles andere als entspannt war und sich zu dieser Haltung zwang. Das war ein deutliches Zeichen für seine diplomatischen Fähigkeiten. Tatsächlich konnten sie sich so viel besser unterhalten, da sie nicht mehr mit angespanntem Nacken zu ihm hochsehen musste. „Nehmt Ihr auch einen Ariag oder bevorzugt Ihr ein anderes Getränk?“ Malina lächelte wieder und dieses Mal fühlte es sich echt an.
„Ich mus gestehen, dass ich noch nie Ariag getrunken habe, aber ich würde es gern probieren.“ Das Getränk aus vergorener Milch enthielt nicht allzu viel Alkohol, denn Akhmal vertrugen ihn nicht gut. So musste sie nicht befürchten, dass Argon sie unter den Tisch trinken wollte. Auch das war eine Art mit seinen Gästen umzugehen, die ihr Bruder gern zelebrierte, die sie selbst aber äußerst unhöflich fand. Er winkte seinem Diener und innerhalb von Sekunden standen zwei Ariag vor ihnen. Argon nahm seinen Becher und für einen winzigen Augenblick meinte sie, Unsicherheit in seinem Blick zu erkennen.
„Wollen wir heute Abend so weit gehen, auf die Freundschaft unserer Arten anzustoßen?“ Er hielt seinen Ariag in ihre Richtung, sah sie aber nicht direkt an. Malina tippte den Rand ihres Bechers leicht gegen seinen.
„Das ist ein sehr mutiges Unterfangen, aber ich denke, es ist an der Zeit, die Beziehungen in diese Richtung zu lenken. Ich sehe, Ihr habt bereits begonnen, Euch unsere Gepflogenheiten anzueignen.“ Er gab ein brummendes Geräusch von sich, das wie eine Mischung aus Lachen und Schnurren klang und fasziniert sah sie, dass das Fell auf seinem Rücken sich glättete. Es war ihr gar nicht aufgefallen, dass es bis jetzt leicht gesträubt gewesen war.
„Das Anstoßen ist ein Brauch, der mir gefällt, nur mit dem Händeschütteln habe ich einige Probleme. Bei unserer krallenbewehrten Art ist das äußerst gefährlich.“ Verständnisvoll nickte sie und nippte vorsichtig am Ariag. Er schmeckte außerordentlich gut und so nahm sie sofort noch einen richtigen Schluck.
„Ich freue mich wirklich, einen Akhmal zu treffen, der meine Hoffnungen bezüglich der Zukunft unserer Arten teilt. Umso wichtiger ist es, dass ich endlich auf den Grund meines Besuches zu sprechen komme.“ In kurzen Sätzen skizzierte sie den perfiden Plan ihres Bruders und erwartete, das Argon erbost aufspringen würde. Jedoch war keinerlei Reaktion auf ihre Worte zu erkennen und als sie geendet hatte, seufzte er leise.
„Unser Geheimdienst hat mir bereits vor zwei Stunden von dieser Sache berichtet. Ich war äußerst schockiert, über diese Vorgehensweise, aber insgeheim hatte ich so etwas erwartet. Die Grenzstreitigkeiten, wegen derer ich vorgeblich gekommen bin, gehen ebenfalls auf das Konto Eures Bruders und ich hatte befürchtet, dass er meinen Besuch auf irgendeine Art dazu nutzen würde, die Spannungen zwischen den Arten zu verstärken. Dass er uns alle umbringen wollte, damit hatte ich allerdings nicht gerechnet.“ Malina seufzte ebenfalls.
„Mein Bruder ist besessen, von der Idee eines Krieges. Natürlich käme es ihm gelegen, wenn der erste Angriff von der Seite der Ahkmal käme und er versucht alles, um das zu provozieren.“ Plötzlich fiel ihr auf, welches Wort an Argons Antwort seltsam geklungen hatte und sie sah ihn mit zusammengezogenen Brauen an. „Vorgeblich? Welchen Grund hat Euer Besuch hier denn in Wahrheit?“ Der Gesandte begegnete ihrem Blick offen und ohne Zurückhaltung.
„Ist es nicht offensichtlich? Ich wollte herausfinden, ob Euer Bruder allein handelt, oder ob Ihr tatsächlich gemeinsam diese Pläne verfolgt. Dann wäre alle Hoffnung auf Frieden vergebens.“ Für einen Augenblick war Malina sprachlos. Sie hatte sich nie selbst als die letzte Bastion im Widerstand gegen den drohenden Krieg gesehen, aber Argons Worte ließen ihre Rolle so erscheinen. Traurig schüttelte sie den Kopf.
„Ich weiß wirklich nicht, wie ich Eure Hoffnungen erfüllen kann. Wie ist es den auf der Seite der Akhmal? Gibt es dort auch verschiedene Lager?“ Argons Rückenfell sträubte sich wieder und es entstand eine kurze Pause, ehe er antwortete.
„Viele der Alten betrachten die Menschen als minderwertige Art, die keinerlei Bedrohung darstellt und denken in ihrer Überheblichkeit, sie würden im Falle eines Angriffes mit den Menschen einfach kurzen Prozess machen. Einige der jüngeren Leute befürworten wie ich eine Annäherung der Arten, werden aber von der offensichtlichen Feindseligkeit der Menschen abgeschreckt. Leider geben sich fast alle der Illusion hin, die Menschen wären keine ernstzunehmenden Gegner, da sie uns körperlich unterlegen sind. Sie vergessen dabei die Technologie und die Macht der schieren Überzahl.“
„Verstehe. Für eine friedliche Lösung ist also auch bei Euch die Basis dünn.“ Beide fielen für einen Augenblick in ein betrübtes Schweigen, bis Malina sich aufrichtete und Argon wieder ansah. „Zunächst müssen wir uns um die nähere Zukunft kümmern. Mein Bruder darf keine Gelegenheit haben, seinen Plan auszuführen.“
„Ja, die einfachste Lösung wäre meine sofortige Abreise, aber auch das würde zu politischen Spannungen führen, die wir ja unbedingt vermeiden wollen. Mir fehlt allerdings im Augenblick ein besserer Plan.“ Malina sah ihn zweifelnd an und fragte sich, ob er auf ihr Angebot eingehen würde.
„Ich hätte eine Idee, wie wir Euch schützen können. Allerdings ist es dazu nötig, dass Ihr mir vollkommen vertraut. Ich kann verstehen, wenn Euch dass nicht leichtfällt.“ Sie presste die Lippen zusammen und starrte in ihr Getränk, als ob sie von dort die erhoffte Antwort erhalten könnte.
„Vertrauen ist etwas, das wachsen kann und ich sehe in unseren gemeinsamen Zielen eine gute Basis. Wie würde Euer Plan denn aussehen?“
„Mein Bruder hat die Loyalität des Militärs, aber die Yeniceri sind eine Elitetruppe, die mir persönlich treu ergeben ist. Es handelt sich ausnahmslos um überdurchschnittlich starke und bestens ausgebildete Kämpfer. Wenn ich meine Yeniceri anweise, als Leibgarde für Eure Delegation zu dienen, hätten die Pläne meines Bruders keine Chance. Um gegen meine Leute etwas auszurichten, müsste er schon mit dem ganzen Heer anrücken und den Palast in Brand setzen.“ Sie stockte und sah den Gesandten noch einmal prüfend an. „Natürlich würden Eure Leute sich durch die unmittelbare Nähe der Yeniceri eher bedroht als beschützt fühlen, was ich durchaus nachvollziehen kann.“ Wieder machte sie eine kurze Pause, um Argon die Möglichkeit zu geben, etwas einzuwenden. Er wiegte nur den Kopf hin und her und bedeutete ihr mit der Hand, fortzufahren. „Alle Kämpfer, die mir ihre Treue geschworen haben, tragen mein persönliches Zeichen auf der Stirn eingebrannt. Sie tragen es mit Stolz und würden es niemals verbergen. Ihr müsst also nur dann misstrauisch werden, wenn sich Euch jemand ohne dieses Zeichen, oder mit verdeckter Stirn nähert.“ Sie zog die Kette unter dem Kleid hervor, an der sie den kleinen Brandstempel trug und zeigte ihm die Vorderseite.
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Überrascht zuckten seine Schnurrhaare nach vorn und seine Ohren begannen vor Erregung beinahe zu zittern.
„Wie kommt Ihr zu diesem Zeichen?“, fragte er mit rauer Stimme.
„In unserem Land wird das persönliche Zeichen aus den Anfangsbuchstaben der Familiensippe und des Vornamens zusammengefügt. Warum fragt Ihr? Hat dieses Zeichen bei Ihnen eine besondere Bedeutung?“
„Ja, das hat es. Wenn bei diesem Symbol nur zwei Seitenarme nach oben gerichtet sind, bedeutet es Schutz oder Wehr. Die beiden nach unten gerichteten Seitenarme verstärken es zum Zeichen für Freundschaft oder Bündnis.“
Tief bewegt verneigte er sich vor Malina und griff nach ihrer Hand. Er drehte die Innenfläche nach oben, strich einmal darüber und beugte sich anschließend noch einmal nach vorn, um seine Stirn in ihre Handfläche zu drücken. Dann sagte er mit bebender Stimme: „Ich lege mit Freude mein Leben in Eure Hand. Nirgendwo wird es besser geschützt sein.“
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