Ritter in blauer Rüstung geschlagen

Der mittelalterliche Liebesroman "Ritter Gero - Herr von Garnichts" ist unfertig und liegt derzeit in der virtuellen Schublade. Eine Leseprobe findest du weiter unten auf dieser Seite.

über das Buch

Dieser historische Roman beginnt im Jahre des Herrn 1224, ein Jahr bevor das große Ereignis seinen Lauf nimmt, welches das Herzogtum Berg, das Bistum Köln und die Welt auch darüber hinaus erschüttert.

Der unterschiedliche Stand von Gero, dem Herrn von Garnichts und der hochwohlgeborenen Amilia von Bar, ist nur das erste von vielen Hindernissen, die sich ihnen in den Weg stellen.

Dann geschieht das Unfassbare: Erzbischof Engelbert von Köln wird ermordet.

Gero und Amilia werden in den Strudel der politischen Wirren gerissen und die Ereignisse überschlagen sich, als Herzog Friedrich von Isenberg zum Hauptverdächtigen wird. Geros Lehnsherr, Amilias Verwandter ein Mörder?

Werden die gerade erst aufkeimenden Gefühle den Sturm überstehen und werden sich die beiden überhaupt wiedersehen?

Bilder

Leseprobe von "Ritter Gero - Herr von Garnichts"

Rolands Rache

Wumm! Er fiel der Länge nach in die Pfütze, die von dem starken Regen der letzten Nacht auf dem Pflaster der Vorburg übrig geblieben war. Roland hatte ihm eine übergezogen. Der drehende Roland, hatte sich nach seinem kräftigen Schwerthieb blitzschnell herumgedreht, und ihm die harte, an einer Kette befestigte Lederkugel mitten zwischen die Schulterblätter geschlagen. Natürlich kannte er die Attrappe eines Ritters, die heute zum Training der Knappen herhalten musste. Er hätte sich nach seinem Schwerthieb gegen den Schild, einfach nur unter der Lederkugel wegducken müssen, um dem schmerzhaften Schlag zu entgehen. Aber er war im entscheidenden Moment abgelenkt. Hustend und durchnässt erhob er sich. Der heftige Schlag gegen den Rücken hatte alle Luft aus seinen Lungen gepresst, und seine linke Wange brannte, von der unsanften Landung auf den Steinen. Viel schlimmer war aber, dass sich sowohl die anderen Knappen, als auch die gerade herüber gekommenen Damen vor Lachen fast ausschütteten. Nachdem er sich aufgerappelt hatte, stand er nass und schmutzig wie ein begossener Pudel da. Es fand sich kein Mauseloch, das groß genug gewesen wäre, ihn verschwinden zu lassen. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als das Holzschwert aufzuheben, und sich wieder in die Reihe der Knappen zu stellen. Mit gesenktem Blick stolperte er nach hinten, nicht ohne wenigstens zu versuchen, noch einen Blick auf die bezaubernde Gestalt zu werfen, die ihn so abgelenkt hatte. Sie war etwas größer als die Burgherrin Sofia, und unterhalb des lose über die Schultern geworfenen Tuchs konnte man das elegante dunkelgrüne Kleid einer Edeldame erkennen. Es war allerdings nicht die Garderobe, sondern ihre Augen, die ihn so gefangen genommen hatten, dass er den drehenden Roland völlig vergessen hatte. Durch seinen Schwerthieb hatte sich der Schild weggedreht, und ihr helles Gesicht, eingerahmt von langen dunklen Haaren war dahinter aufgetaucht. Einen Wimpernschlag lang hatten sich ihre Blicke getroffen. Bevor er zu Boden geworfen wurde, hatte er das Gefühl, sie würde mit den dunklen mandelförmigen Augen tief in seine Seele blicken. Wer war sie nur? Zusammen mit der Burgherrin Sofia, deren siebenjährigen Sohn Dietrich und der nur ein Jahr jüngeren Margarethe waren die Kinderfrau Elsa und die unbekannte Dame auf dem Weg zum Garten der Burg. Als der kleine Dietrich die Knappen gesehen hatte, war er allerdings sofort auf den Übungsplatz der Unterburg herübergelaufen, und Elsa hatte alle Mühe, ihn wieder einzufangen. Jost, der Waffenmeister, der heute die Übungen der Knappen beaufsichtigte, wurde bereits ungehalten, bekam aber den Sohn des Burgherren auch nicht zu fassen. Die Unbekannte hielt in einer vertrauten Geste die kleine Margarethe an der Hand. Sie war zusammen mit ihr und der Burgherrin, dem ungestümen Dietrich zum Übungsplatz gefolgt. Vorsichtig wagte Gero einen Seitenblick in ihre Richtung. Wieder sah sie ihn an, und wieder verlor er sich in ihren Augen. Sein Herz schlug wild, und er hatte das Gefühl den Atem anhalten zu müssen, bis sein Freund Heinrich von Sayn ihn unsanft von hinten schubste. Heinrich überragte Gero um einen halben Kopf, und seine Schultern waren fast doppelt so breit, obwohl er nur zwei Jahre älter war. Der harte Schubser war durchaus freundschaftlich gemeint, aber allein durch seine Größe und Kraft ließ ein Schulterschlag, von Heinrichs Pranken, Gero fast in die Knie gehen.
„Schließ auf, du bist gleich schon wieder dran, oder kannst du schon nicht mehr?“ Heinrich grinste ihn herausfordernd an. Gero stolperte nach vorn und grummelte ein:
„Lass mich“, vor sich hin. Als er wieder aufsah, hatte Elsa den wilden Dietrich inzwischen eingefangen, und die Damen setzten ihren Weg zum Garten fort. Der Saum des grünen Kleids wippte anmutig bei jedem Schritt, und der leichte Frühlingswind zauste spielerisch durch ihr offenes dunkles Haar.
„Wer ist das“, fragte er Heinrich, ohne die Augen von ihrer zarten Gestalt zu lösen.
„Gräfin Sofia von Nienbrugge, ach nein jetzt heißen sie ja alle von Isenberg. Die kennst du doch.“
„Klar, aber die mit den dunklen Haaren mein ich.“
„Die ist gestern Abend mit den Reitern von der Neuen Burg gekommen. Sie wird wohl irgendwie mit den Limburgern verwandt sein“, wusste Heinrich zu berichten. Sofie, die Herrin hier auf dem Isenberg, und Heinrich von Montoje, der derzeitige Herr der Neuen Burg in der Grafschaft Berg, waren Geschwister. Sie pflegten ein freundschaftliches Verhältnis, und an Festtagen oder bei familiären Feierlichkeiten besuchten sie sich gegenseitig. Zur Feier der Geburt des ersten Sohnes im vorigen Frühjahr, hatte auch Gero als Knappe die Familie begleiten dürfen und Heinrich von Montoje auf der Neuen Burg kennen gelernt. Soweit er sie bisher gesehen hatte, waren alle, die Heinrich so flapsig „die Limburger“ nannte von kräftiger Gestalt mit hellen Haaren und blauen Augen. Die dunkelhaarige fremde Dame passte da, nach Geros Vorstellungen, nicht so richtig herein.
„Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen, du musst das missverstanden haben“, wandte er ein.
„Marsch! Oder muss ich dir Beine machen?“ brüllte Jost ihn an. Über seine Diskussion mit Heinrich hatte er die Schwertübungen ganz vergessen. Hart drosch er wieder auf das Schild des Roland ein, und dieses Mal vergaß er auch den Ausfallschritt nicht, der ihn vor Rolands Rache schützte. Bis zum Anbruch der Dunkelheit übten sie noch, und Gero war zu guter Letzt völlig erschöpft und voller blauer Flecken. Die Knappen hatten nur eine kurze Pause zum Waschen und Umziehen. Dann mussten sie sich in ordentlicher Garderobe im großen Saal des Palas einfinden. Herzog Friedrich speiste mit seinen Gästen, und bei solchen Gelegenheiten wurden die Knappen zum Auftragen der Speisen und Bedienen der Gäste gerufen. An normalen Tagen besorgten das die jungen Pagen, die erst mit vierzehn Jahren in den Stand der Knappen aufrückten und ab dann auch im Führen der verschiedenen Waffen unterwiesen wurden. An Festtagen und wenn Gäste da waren, wollte man aber nicht riskieren, dass einer der Jungen etwas verschüttete oder sich ungebührlich benahm, daher wurde dann von den fast schon erwachsenen Knappen aufgewartet. Von den Schwertübungen war Gero reichlich müde, und sein Magen mahnte schon seit einer Weile das längst überfällige Abendessen an. Trotzdem war er aufgeregt und kribbelig. Sie würde sicherlich mit am Tisch sitzen, und er dürfte ihr vielleicht einschenken oder etwas anreichen. Vielleicht würde sie ihn noch einmal ansehen. Seit Heinrich davon gesprochen hatte, dass sie von der Neuen Burg gekommen war, wunderte er sich, dass er sie bisher noch nie gesehen hatte.

Amilia aufwarten

In einer ordentlichen Reihe standen die Knappen an der Wand, vor ihnen die Tische, überreich beladen mit den besten Speisen, die die Burgküche zu bieten hatte. Geros Magen knurrte laut und Wiedolf, der rechts von ihm an der Wand stand, spottete sogleich:
„Hört, hört, der hohe Herr von Garnichts hat schon so lautes Magengrimmen, das die Gäste sich kaum unterhalten können.“ Doch Gero hatte ihn gar nicht gehört, denn soeben betrat die unbekannte Dame in dem grünen Kleid den Saal. Das Schultertuch hatte sie abgelegt und er konnte einen kunstvoll bestickten Gürtel und eine hübsche aber schlichte Goldkette erkennen. Neben der aufwändig herausgeputzten Burgherrin Sofia wirkten ihr Kleid und ihr Schmuck einfach und schlicht. Nachdem Sofia und ihr Gatte sich gesetzt hatten, nahmen auch die übrigen Anwesenden Platz.
„Amilia, bitte setz dich doch hier zu mir“, richtete Sofia ihr Wort an die Dame. Gero schluckte. Amilia, was für ein wunderbarer Name. Eilig nahm er eine Kanne mit Met von dem Tisch, auf dem die Getränke bereitstanden und ging zu ihr herüber. Nachdem Heinrich dem Burgherren und seiner Frau eingeschenkt hatte, fragte Gero:
„Meine Dame, darf ich Euch Met einschenken, oder möchtet Ihr lieber Bier, Wein oder warmen Würzwein?“ Sie reichte ihm ihren Becher und antwortete:
„Met ist genau richtig, vielen Dank.“ Ihre Stimme war so weich und warm, so viel leiser und angenehmer als das laute und herrische Getöse, das Herzogin Sofia verbreitete. Außerdem hatte sie sich bedankt. Von den hohen Herrschaften war er so etwas nicht gewohnt. In höheren Kreisen gehörte es fast schon zum guten Ton, die Untergebenen abfällig und geringschätzig zu behandeln. Auf keinen Fall bedankte man sich, wenn einem der Becher gefüllt wurde. Das Herz klopfte in seinem Hals und er stand einen Augenblick bewegungslos da, ehe ihm der Met wieder einfiel. Als er den Becher zurückgab, berührte sie seine Hand mit den Fingerspitzen. Fast hätte er vor Schreck den Met über ihr Kleid geschüttet. Sein Gesicht wurde plötzlich heiß. Schon wieder war er ungeschickt und machte sich lächerlich. Sie musste ihn für den letzten Tollpatsch halten. Mit hochrotem Kopf ging er weiter, um die andren Gäste und Burgmannen nach ihren Wünschen zu fragen. Die Ritter des Herzogs zogen Bier vor, und Herzogin Sofia trank Wein. Die übrigen Gäste von der Neuen Burg wurden bereits von Widolf bedient. So stellte er seinen Metkrug schließlich wieder ab, und hatte nichts weiter zu tun, als der Gesellschaft beim Essen zu zusehen. Heinrich setzte auch die Weinflasche ab und stellte sich neben ihn.
„Was ist denn los mit dir heute Abend? Du stehst völlig betreten in der Gegend herum, und wenn du etwas einschenken sollst, verschüttest du es noch fast. So kenn ich dich gar nicht. Hat dein knurrender Magen dir die Sinne vernebelt?“ Gero seufzte tief. Sein Blick hing an Amilia, um nur ja die Gelegenheit nicht zu verpassen, wenn ihr Becher leer wäre.
„Nein, der Magen ist es nicht.“ Heinrich folgte seinem Blick.
„Ah! Dein Herz ist für den hübschen Besuch entbrannt.“ Er grinste breit, und Gero hatte den Eindruck, als wollte er gleich laut loslachen. In dem Moment kam Wiedolf heran und beschwerte sich.
„Ihr beide steht hier herum und schwätzt. Soll ich alles alleine machen?“
„Ach Wiedolf, spiel dich nicht so auf, da sind ja schließlich noch ein paar mehr Burschen“, verteidigte sich Heinrich, nahm aber direkt die Weinflasche wieder vom Tisch, um damit die Runde zu machen.
„Du kannst auch was tun, deck die leeren Platten ab und bring den nächsten Gang“, herrschte Wiedolf ihn an. Seufzend machte er sich daran die leergesessenen Holzplatten in die Küche zurückzutragen. Auf dem Rückweg bekam er weitere Platten und Schüsseln zum Auftragen, und nachdem er den zweiten Gang abgesetzt hatte, drückte Wiedolf ihm auch schon die nächsten Bretter für die Küche in die Hand. Eilig machte er sich wieder auf den Weg, und nachdem auch diese abgeliefert waren, konnte er endlich wieder seinen Metkrug nehmen und zu Amilia herüber gehen.
„Darf ich noch etwas nachschenken?“ fragte er leise und mit einer kleinen Verbeugung. Sie drehte sich zu ihm um und lächelte.
„Ja sehr gerne“, antwortete sie mit ihrer wunderbaren Stimme genauso leise. Wieder stand er wie erstarrt da, und versank in ihren Augen. Erst als Sofia sie anstieß, um mit ihr zu sprechen, wandte sie ihren Blick ab, und ihm fiel plötzlich der leere Becher wieder ein. Hastig füllte er ihn und stellte ihn wieder auf den Tisch. Sofia unterhielt sich inzwischen mit Amilia, und Gero der den Met bereits zurückgebracht hatte, räumte weiter die Platten auf dem Tisch zusammen.
„Meine Liebe, du solltest unbedingt auf der Neuen Burg bleiben. Meine Schwägerin braucht dich für das Baby sicher viel dringender als ich. Wie man hört muss es bei den ganzen Bauarbeiten zur Erweiterung der Burg ja auch hoch her gehen. Und zusätzlich ist ja auch noch ständig dieser Erzbischof da. Bald wird er bestimmt ganz dort wohnen. Du kannst ja dann auch noch ein Auge auf Dietrich halten. Er ist ein ziemlich wilder kleiner Rabauke, ganz wie sein Vater.“ Mit einem undurchschaubaren Lächeln drehte sie sich zu Herzog Friedrich herum, der ihre Unterhaltung mit Amilia aber nicht gehört hatte. Sie fuhr fort:
„Ich habe dann hier ja nur noch Katherina, und Elsa sorgt wirklich ganz gut für sie.“
„Wie du meinst Sofia“; antwortete Amilia leise und in ihrer Stimme schwang ein Unterton von Verzweiflung, der Gero zusammenfahren ließ. „Bitte entschuldige mich.“ Amilia stand auf, und als sie den Tisch verließ, wäre sie fast gegen ihn gelaufen, während er zwei Schüsseln zur Küche transportierte. Er glaubte Tränen in ihren Augen blitzen zu sehen, und ein scharfer Schmerz machte sich in ihm breit. Gerne hätte er sie gefragt, was sie so traurig machte und ob er irgendetwas für sie tun könnte, doch er schluckte nur und senkte den Blick. Dann holte er tief Luft, doch sie war bereits durch die große Tür aus dem Saal verschwunden. Niedergeschlagen ging er zur Küche hinüber und wieder zurück zu den restlichen Platten und Schüsseln am Tisch. Sofie redete wie üblich laut genug, das man es auch in einiger Entfernung noch gut verstehen konnte.
„Bezeichne sie niemals als meine Schwester mein Lieber“, korrigierte sie ihren Mann, der sie gefragt hatte, warum sie ihre Schwester wieder fortschicken wollte.
„Sie ist nur die Tochter von Ermesinde und ihrem ersten Mann. Erinnerst du dich nicht, wie unsere Hochzeit völlig hinter der Hochzeit meines Vaters mit dieser Ermesinde untergegangen ist. Am gleichen Tag zu heiraten hatte er ja für so eine wunderbare Idee gehalten, und dann hat seine neue Frau die ganze Aufmerksamkeit bekommen. Die Minnesänger besangen ihre weiße Haut und ihr dunkles Haar, und alle lagen ihr zu Füßen. Von den drei Töchtern, die sie mitgebracht hat sieht Amilia ihr am ähnlichsten. Ich kann sie einfach nicht um mich haben, ohne immer wieder an den Tag zu denken, der doch eigentlich unser größter Freudentag werden sollte. Soll mein Bruder doch sehen, was er mit ihr macht. Wenn ihm auch nichts einfällt kann er sie ja in ein Kloster stecken. Ich will sie jedenfalls nicht hier haben.“ Bei so viel offener Feindseligkeit wären Gero fast die Schüsseln aus der Hand gefallen. Eilig zog er sich mit den Essensresten in die Küche zurück, und nachdem er sie abgegeben hatte, musste er sich erst einmal setzen. Immerhin war ihm jetzt klar, warum Amilia so ganz anders war, als die anderen Limburger. Es war aber auch offensichtlich, dass sie nicht gern in der Neuen Burg bleiben wollte. Hatte sie dort vielleicht auch unter der arroganten und herablassenden Art von Isabella zu leiden, die ja inzwischen die Burgherrin war? Er erinnerte sich mit Schaudern daran, wie Isabella jeden kleinen Erfolg und jede Freude zerstören konnte, indem sie immer im unpassendsten Augenblick mit einer gehässigen Bemerkung hinter einem stand. Er würde so gerne mit Amilia sprechen, und sie fragen, wie es ihr dort erging.
„Gero, träumst du? Bring die restlichen Platten herein, und dann sag den anderen Burschen, dass sie zum Essen kommen sollen“, kommandierte Medgard, die Köchin. Essen, das war eine gute Nachricht. Er fühlte sich schon ganz flau, und die Düfte von der großen Tafel hatten sein quälendes Magenknurren nur noch verstärkt. Er hoffte inständig, dass die Gäste noch genügend übrig gelassen hatten, und die Knappen von den Köstlichkeiten noch etwas bekommen würden. Den üblichen abendlichen Dinkelbrei mit Rüben konnte er schon lange nicht mehr sehen. Eilig räumte er die letzten Platten ab, während die anderen Burschen die Gäste weiterhin mit Getränken versorgten. Wiedolf und seine beiden Kumpanen wollten natürlich zuerst zum Essen gehen, also musste sich Gero mit Heinrich und Bentz um die Getränke kümmern und warten, bis die anderen fertig gegessen hatten. Es gab Dinkelbrei mit Rüben. Natürlich hatten die anderen drei sich den Bauch vollgeschlagen, und keinen Gedanken daran verschwendet, von den guten Sachen noch etwas übrig zu lassen. Immerhin ein Hühnerbein für jeden hatte Medgard noch zurückgelegt. Beim Essen war Gero die ganze Zeit mit den Gedanken bei Amilia. Wo war sie wohl hin gegangen? Hatte sie sich in ihre Kammer zurückgezogen? Wohin konnte sie in einer fremden Burg sonst schon gehen, wenn sie traurig war und allein sein wollte. Er würde in den Stall gehen, und sein Gesicht in der Mähne seines geliebten Pferdes vergraben. Für ihn war das immer der beste Ort, wenn er bedrückt oder unglücklich war. Aber sie war ja eine Dame, so etwas würde sie nicht tun.
„Was ist los? Hat dich das Plattenschleppen so geschafft, das du noch nicht einmal mehr sprechen kannst?“ Heinrich versetzte ihm einen freundschaftlichen Knuff mit dem Ellenbogen, der ihn wie üblich fast von der Bank geworfen hätte. Er hatte sich mit Bentz über die Gäste unterhalten, und Gero angesprochen, aber der war so tief in Gedanken versunken, dass er davon gar nichts mitbekommen hatte.
„Was?“ fragte Gero verstört und sah zu Bentz herüber.
„Die hübsche Dunkelhaarige wird dann wohl doch nicht hier bleiben, hab ich gerade gesagt. Schade eigentlich. Sie soll morgen mit den anderen zurück reiten. Dietrich geht als Page mit zur Neuen Burg, alt genug ist er ja jetzt.“, antwortete Bentz. Heinrich lachte plötzlich los.
„Na da werden die noch ihren Spaß haben, mit dem kleinen Raufbold. Elsa wird auf jeden Fall froh sein, das sie ihn los ist.“ Gero wurde plötzlich heiß. Morgen würde Amilia die Isenburg schon wieder verlassen. Vielleicht würde er sie nie wiedersehen. Ohne eine weitere Erklärung sprang er auf, und lief aus der Küche. Im Burggarten wollte er nachsehen, dort konnte sie vielleicht hingegangen sein. Er lief vom Burghof durch das innere Tor auf den Platz der Vorburg, wo er sie heute Mittag zum ersten Mal gesehen hatte. Dort bog er nach rechts durch das Nebentor zum Burggarten ab.

 

Im Burggarten

An der nach Süden weisenden Außenmauer der Burg rankten sich riesige Büsche von Kletterrosen empor, von denen einige bereits begonnen hatten zu knospen. Abgesehen von den Rosen und zwei Apfelbäumen wuchsen hier aber hauptsächlich Gemüse und Kräuter für die Küche der Burg. Inzwischen war es vollkommen dunkel. Ein blasser Halbmond wurde immer wieder von Wolkenfetzen verdeckt, so dass Gero kaum erkennen konnte, wohin er trat. Die Blüten der Apfelbäume schickten ihren süßen Duft herüber, und er ging vorsichtig an der Rosenwand entlang in ihre Richtung. Es schien außer ihm niemand hier zu sein. Niedergeschlagen setzte er sich auf den niedrigen Steinkranz des Kräuterbeets und ließ den Kopf in die Hände sinken. Gewiss war sie in ihre Kammer gegangen. Dort war sie für ihn heute Abend unerreichbar. Er hätte noch nicht einmal gewusst, welche Kammer er aufsuchen müsste. Außerdem konnte er sich keinen noch so wilden Vorwand ausdenken, um so spät am Abend an ihre Tür zu klopfen. Wie er hier draußen, außerhalb der Burgmauern im fahlen Mondlicht saß, fühlte er sich wieder so allein und verlassen wie in den ersten Tagen seiner Pagenzeit. Erst kurz vor seinem siebten Geburtstag war seine Mutter gestorben, nachdem sie sich bei dem Sturz von einer Leiter den Arm gebrochen hatte. Sein Vater hatte danach nur noch teilnahmslos herumgesessen und kaum die nötigsten Anweisungen für seine Untergebenen und das Hauspersonal über die Lippen gebracht. Nach wenigen Wochen hatte ein Freund seines Vaters Gero einfach mitgenommen und in den Pagendienst nach Berg gebracht. Danach hatte er von seinem Vater nichts mehr gehört, bis er plötzlich auf der Neuen Burg aufgetaucht war, um mit Graf Adolf in den Kreuzzug zu ziehen. Nachdem der Graf in Ägypten gefallen war, hatte eine Krankheit seinen Vater, auf der Rückreise vom Kreuzzug ergriffen und er war, nur wenige Tagesreisen von Zuhause entfernt, daran gestorben. Die Burg und das Land seiner Eltern waren nur noch ein Mannlehen gewesen. Das bedeutete, dass alles nach dem Tode seines Vaters an die Abtei Werden und damit unter die Herrschaft von Berg zurückfiel. Nur das Kettenhemd und das Schwert seines Vaters hatten sie ihm gebracht, als er in den Knappendienst auf der Isenburg aufgenommen wurde. Gero sah hoch in den verschwommenen Mond. Er hatte keine Eltern mehr, keine Geschwister, kein Land, nichts. Nichts und niemand gehörte zu ihm. In diesem Moment fühlte er sich wieder so nutzlos und überflüssig auf dieser Welt. Es war, als ob sein Herz den steilen Berghang hinter der Gartenmauer hinunterglitt, in den schwarzen Abgrund. Er schloss die Augen und legte den Kopf auf seine Arme. In dem Moment knackte ein Ast direkt hinter ihm. Erschrocken fuhr er hoch und drehte sich um.
„Es tut mir leid, ich wollte Euch nicht stören.“, erklang die leise und doch melodische Stimme von Amilia. Sofort begann sein Herz zu rasen. Er wusste nicht was, er antworte sollte. Seine Wangen wurden heiß, und er war froh, das in der Dunkelheit niemand seinen roten Kopf sehe würde. Er verbeugte sich und holte tief Luft.
„Hohe Dame ich…“ stotterte er. „Ich habe euch gesucht.“ Es war zwar die Wahrheit, hörte sich aber, jetzt wo er es gesagt hatte irgendwie unglaubwürdig an.
„Ihr habt mich gesucht, hier im Garten?“ fragte sie mit einem verwunderten Lächeln in der Stimme.
„Ja, ich… ihr seid so plötzlich aus der Halle gelaufen. Ich wollte sicher sein, das alles in Ordnung ist“, stammelte er. Mit einem Seufzer setzte sie sich auf die Mauer und sah in die Dunkelheit hinaus.
„Nein, gar nichts ist in Ordnung“ sagte sie so leise, dass er sie kaum verstehen konnte. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Nach einer Weile fragte sie:
„Warum setzt ihr euch nicht wieder, oder wolltet ihr gerade gehen?“ Geros Herzschlag beschleunigte sich wieder. Nein, gehen wollte er auf keinen Fall! Konnte er sich einfach so neben sie setzen? Es hatte sie ja noch nicht einmal jemand bekannt gemacht.
„Entschuldigt, ich habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist Gero, also Gero von Erkerohde.“ Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn wieder mit ihren dunklen wunderbaren Augen an.
„Ich bin Amilia von“, sie stockte einen kurzen Moment, „Amilia von Garnichts.“ Er hielt einen Moment die Luft an. Dann musste er unwillkürlich lachen.
„Oh, ich dachte immer ‚von Garnichts‘ zu sein wäre allein mein Vorrecht.“ Sie lachte ebenfalls.
„Aber ihr heißt doch ‚von Erkerohde‘, das ist doch gar kein Garnichts.“ Er setzte sich neben sie und versuchte bei der Antwort nicht traurig sondern nur sachlich zu klingen:
„Ich heiße nur so. Erkerohde gehörte früher unserer Familie, aber das gibt es jetzt nicht mehr. Nur der Name ist hängen geblieben.“
„Seht ihr, bei mir ist es genau anders herum. Es gibt alles Mögliche, nur ich gehöre nirgendwo dazu, deshalb weiß ich nicht welchen Namen ich verwenden sollte. Sollte ich mich ‚von Luxemburg‘ nennen, wie meine Mutter, ‚von Limburg‘, wie mein Stiefvater, ‚von Bar‘, wie mein Vater? Das wohl am allerwenigsten, aber ich fürchte, das ist der Name der am Ende hängen bleibt.“ Sie fiel wieder in Schweigen und starrte in die Dunkelheit.
„Ihr wohnt auf der Neuen Burg?“, fragte er unvermittelt in die Stille hinein. „Ich habe dort meine Pagenzeit verbracht.“ Sie seufzte wieder und es dauerte eine Weile, bis sie leise antwortete:
„Ja ich wohne dort, und morgen muss ich zurück.“ Sie war so traurig. Was konnte er nur sagen, im sie irgendwie aufzuheitern?
„Ist Isabella immer noch so… hm, so liebenswürdig?“ Amilia drehte sich abrupt zu ihm um und starrte ihn an. Dann lächelte sie plötzlich.
„Ja, äußerst liebenswürdig, man mag kaum von ihrer Seite weichen. So eine freundliche Person.“ Jetzt musste Gero lachen.
„So war sie schon früher, ich glaube so etwas ändert sich nicht.“ Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile über die Gegebenheiten in Berg. Gero stellte mit Bedauern fest, dass fast niemand vom Haushalt Graf Adolfs mehr dort war. Außerdem waren zurzeit gewaltige Umbauten und Erweiterungen auf der Neuen Burg im Gange. Er beschrieb ihr seinen geheimen Weg an der steilen Bergflanke herunter ins Tal und den großen Felsen unten am Fluss, auf dem er immer gern gesessen hatte, wenn er allein sein wollte. Die Wolken waren inzwischen verschwunden, und der Halbmond leuchtete weiß auf den Garten herunter. Ein leichter Wind kam auf, und Gero spürte eine Gänsehaut über seinen Rücken laufen. Auch für Amilia war es anscheinend zu kühl geworden, denn sie zog den leichten Umhang enger um ihre Schultern und stand auf.
„Lasst uns herein gehen, es ist schon sehr spät. Morgen werden wir früh aufbrechen“, sagte sie leise. Fieberhaft arbeiteten seine Gedanken, während er aufstand und ihr folgte. Er wollte sie noch nicht gehen lassen, es musste doch einen Weg geben, noch ein kleines Bisschen Zeit mit ihr zu verbringen. Langsam schritt sie den hellen Weg entlang, der zur Burgmauer zurückführte und der weiße Kies knirschte leise unter ihren Schritten. Am Tor angekommen blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. Schnell brach er eine noch nicht ganz erblühte Rose vom Strauch, und beugte ein Knie vor ihr. Er reichte ihr die Knospe und fragte mit rauer Stimme.
„Hohe Dame, werde ich Euch wieder sehen?“
„Oh, bitte kniet nicht vor mir, und bitte nennt mich Amilia“, erwiderte sie erschrocken. Dann nahm sie die Rose und griff nach seiner Hand, damit er sich erhob. Der kalte Wind strich ihre dunklen Haare nach hinten und ihr vom Mond blass erleuchtetes Gesicht raubte ihm den Atem. Zitternd vor Kälte und Aufregung stand er vor ihr, und doch spürte er den Wind in diesem Moment nicht. Er vergaß zu atmen, während er die warme Berührung ihrer Hand in seiner fühlte und sein Blick völlig in ihren dunklen Augen versank.
„Ich würde euch sehr gern wieder sehen“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Aber es liegt nicht in meiner Macht das zu entscheiden.“ Er verbeugte sich tief und einen kurzen Augenblick spürte er das Verlangen, ihre Hand zu küssen, aber dann wagte er es doch nicht. Ihre Finger glitten aus seinen und noch immer lächelnd drehte sie sich zum Tor.
„Vergesst mich bis dahin nicht“, bat er leise. Sie wandte sich noch einmal zu ihm um und versprach:
„Nein, das werde ich nicht.“

 

Gemeinsam auf dem Weg

Früh am nächsten Morgen fanden sich die Knappen in den Stallungen ein, um die Pferde der Gäste für den Rückweg fertig zu machen. Die Stallburschen führten die Reitpferde und den Karren hinaus. Der siebenjährige Dietrich sollte auf den Pferdekarren mitfahren. Außerdem waren dort noch seine Kleidung und persönliche Gegenstände, sowie einige Geschenke für Gräfin Isabella und ihren Mann Heinrich untergebracht. Sofort wurden die Knappen zurückgerufen, um ihre eigenen Pferde vorzubereiten. Heute früh würden sie einen Übungsritt quer durch die Wälder und Felder unternehmen. Hastig fragte Gero den Reitmeister Bero:
„Können wir nicht die Gesellschaft zur neuen Burg begleiten, anstatt querfeldein zu reiten?“
„Ja, bis Nierenhof können wir sie begleiten, aber dann werden wir uns in Richtung Werden wenden. Ich wollte den heutigen Ritt noch zu einem Gespräch im Kloster nutzen. Außerdem können wir dort eine kleine Rast halten.“ Geros holte tief Luft und hatte das Gefühl, dass seine Ohren schon wieder ganz heiß wurden. Er könnte sie heute doch noch einmal sehen. Vielleicht könnten sie sogar noch einige Worte wechseln. Noch nie war er so schnell mit der Vorbereitung seines Pferdes fertig gewesen. Als erster der Knappen stand er im Hof der Unterburg und erwartete, dass die Gäste durch das Mitteltor kommen würden. Plötzlich tauchte Widolf mit seinem Pferd neben ihm auf.
„Was für eine blödsinnige Idee, bis Nierenhof hinter dem langsamen Karren her zu schleichen. Das hätte so ein schöner Ritt über das Bonsfeld zum Deilbach werden können, und dann kommt unser Hungerleider wieder und verdirbt alles.“ Gerade wollte er sich zu ihm umdrehen, und dem Quälgeist Widolf eine harsche Antwort geben, als er Leute durch das Tor kommen sah. Schon vorhin hatte er überlegt, welches Pferd Amilia wohl reiten würde. Keins der Pferde war mit einem Damensattel ausgerüstet. Würde sie auf dem Karren mitfahren müssen? Der Schimmel trug zwar einen normalen Sattel, aber sein Zaumzeug war, im Unterschied zu den übrigen Pferden verziert und mit Tasseln an Stirnband und Sattel versehen. Das passte weder zu den beiden Burgmannen, noch zu den Bediensteten, die den Zug begleiteten. Er warf den Zügel seines Pferdes zu Widolf, und ging mit wenigen schnellen Schritten zu dem Schimmel herüber. Den Burschen, der das Pferd hielt, schickte er weg. Er würde das Pferd für sie halten, und ihr beim Aufsteigen helfen.
„Guten Morgen Gero von Erkerohde“, hörte er plötzlich Amilias Stimme hinter sich. Er fuhr herum, und sie stand in einem braunen Reitkleid und einem ebenso braunen Umhang direkt vor ihm. Die langen Haare hatte sie zu einem festen Zopf geflochten. Eine vorwitzige Strähne hatte sich gelöst und streichelte ihre Wange. Er holte tief Luft. Sie hatte seinen Namen so warm und zärtlich ausgesprochen. Wieder lief er rot an, und musste mehrmals hart schlucken, doch der Klos in seinem Hals wollte nicht verschwinden. Tief verbeugte er sich und stammelte:
„Hohe Dame. Guten Morgen. Ein sehr guter Morgen.“
„Besser als ich gedacht hatte auf jeden Fall“; erwiderte sie lächelnd und schickte sich an auf das Pferd zu steigen.
„Ihr reitet nicht im Damensattel?“, fragte er verwundert.
„Nein, ich finde Damensättel sehr unbequem. Man sitzt ganz verdreht und kann nur Pferde reiten, die dafür speziell ausgebildet sind.“ Sie schob den Fuß in den Steigbügel, und gerade als er einwenden wollte, wie das mit dem Kleid denn gehen sollte, teilte sich der Rock in zwei Hälften, als sie das Bein über den Pferderücken schwang. Sie drapierte den weiten Umhang über Pferd und Sattel, so dass man auf den ersten Blick gar nicht erkennen konnte, das sie keinen Damensattel ritt.
„Das Kleid habe ich selbst genäht. Es ist sehr praktisch zum reiten“ sagte sie lächelnd, als er sie ungläubig anstarrte. „Danke, Ihr könnt das Pferd jetzt loslassen.“
„Ja natürlich.“ Er ließ die Zügel los, und sah noch einmal zu ihr hoch. „Wir werden euch ein Stück des Weges begleiten.“ Ein Lächeln zog über ihr Gesicht.
„Das freut mich sehr.“ Sein Herzschlag beschleunigte sich wieder. Wenn sie ihn so anlächelte, konnte er kaum noch denken. Wie verzaubert stand er vor ihrem Pferd und sah sie nur an.
„He Habenichts, komm jetzt endlich und nimm deinen Gaul! Ich bin doch nicht dein Pferdeknecht, und wir wollen nicht alle auf dich warten.“ Das war Wiedolf, wie immer freundlich und hilfsbereit. Gero senkte seinen Blick und beeilte sich sein Pferd zu nehmen. Als er aufgestiegen war, beugte sich Wiedolf herüber.
„Brauchst der hohen Dame gar keine schönen Augen machen. Die wird schon einen richtigen Grafen nehmen, und keinen armen Knappen, der noch nicht einmal ein eigenes Pferd hat.“ Er starrte auf den Hals seines Pferdes herunter. Natürlich hatte Wiedolf völlig Recht, das änderte aber nichts daran, dass sie bereits mit ihrem ersten Blick sein Herz entzündet hatte. Der Zug setzte sich in Bewegung, und als Amilia ihr Pferd wendete, sah er die Rosenknospe, die sie in den Ansatz ihres langen Zopfes gebunden hatte. Warme Freude breitete sich in ihm aus und er beeilte sich möglichst dicht hinter ihr her zu reiten, ohne Wiedolfs weiteres Geschwätz noch zu beachten. Hinter einer scharfen Wendung des Weges beschleunigte er den Schritt seines Pferdes bis er neben ihr war. Sie lächelte ihm kurz zu, sah dann aber wieder ernst und mit traurigem Blick nach vorn. Schweigend ritten sie eine Weile nebeneinander her.
„Was ist Gero eigentlich für ein Name, den habe ich noch nie gehört“, fragte sie plötzlich. Überrascht sah er sie an.
„Eigentlich heiße ich Gerbotho, aber so hat mich nur meine Mutter genannt, wenn ich etwas ausgefressen hatte.“ Er musste lächeln, als er daran dachte, wie seine Mutter immer den langen Namen in der Mitte betont hatte um ihn zurechtzuweisen. Plötzlich spürte er ihren Verlust wie einen Stich in seinem Herzen. Er senkte den Kopf und seufzte.
„Entschuldigt, ich wollte euch nicht traurig machen. Eure Mutter lebt nicht mehr?“, fragte Amilia vorsichtig.
„Nein, keine Mutter, kein Vater, niemand. Ich bin sozusagen der Letzte, der übrig geblieben ist von unserer Familie.“, seufzte Gero.
„Das tut mir leid. Sicherlich ist es sehr traurig wenn es keineVerwandten mehr gibt, aber das macht euch auch ganz frei.“
„Wie meint ihr das, frei? Wunderte sich Gero. So hatte er noch nie darüber gedacht.
„Seht ihr, ich habe mehr Verwandte als ich zählen kann. Ich habe noch zwei direkte Schwestern und drei ältere Halbgeschwister aus der ersten und zweiten Ehe meines Vaters. Meine Mutter war seine dritte Frau. Nach dem Tode meines Vaters, hat meine Mutter wieder geheiratet. Ihr neuer Mann hatte bereits vier Kinder, und dann haben beide noch drei weiteren Kinder bekommen. Nun schieben sie mich wie eine Schachfigur hin und her, und eigentlich bin ich nirgendwo wirklich zuhause. Bei Heinrich und Isabella bin ich auf jeden Fall recht überflüssig. Ich hatte gehofft, auf Isenberg einen Platz zu finden, aber meine Stiefschwester war von der Idee ja wenig begeistert.“ Sie sah mit finsterem Gesicht auf die Mähne ihres Pferdes. Gero dachte an seine Eltern in ihrer kleinen Burg in Erkerohde. Sein Vater hatte seine Mutter in Aachen kennen gelernt, als er dort für seinen Lehensherren kämpfte. Er war schwer verletzt worden, und man hatte ihn für tot gehalten. Während die gegnerischen Truppen die Toten zu einem Haufen aufschichteten, um sie zu verbrennen, hatten sie festgestellt, dass der noch lebte. Dort hatte Geros Mutter ihn wieder gesund gepflegt und sie hatten sich ineinander verliebt. Sie war der Liebe gefolgt, und hatte ihre Familie und ihre Heimatstadt Aachen verlassen, um ihn zu heiraten.
„Zuhause ist da, wo das Herz wohnt“, zitierte Gero ohne nachzudenken, einen Lieblingsspruch seiner Mutter. Amilia sah ihn fragend an.
„Und wo wohnt euer Herz?“ Diese Frage stach wie ein Messer in seine alte Wunde und er zuckte unwillkürlich zusammen.
„Entschuldigt, ich wollte euch nicht verletzen“, setzte sie schnell hinzu und streckte ihre Hand zu ihm aus. Überrascht nahm er ihre Hand und hielt sie für einen wunderbaren aber viel zu kurzen Augenblick fest.
Die vordersten Pferde blieben plötzlich stehen, und das Kommando von Reitmeister Bero erschallte.
„Hier trennen sich unsere Wege. Ich wünsche Euch noch einen angenehmen und sicheren Weg zur Neuen Burg. Wir wenden uns jetzt nach Werden. Knappen! Den rechten Weg entlang!“
Amilia drehte sich noch einmal zu ihm herum.
„Vielen Dank für die nette Gesellschaft. Ich hoffe wir werden uns wieder sehen.“ Gero zitterte plötzlich und sein Hals wurde eng. Er wollte sie noch nicht gehen lassen.
„Danke, dass ich euch kennen lernen durfte. Ich werde euch vermissen“, antwortete er leise, als sie ihr Pferd antrieb, um dem Karren zu folgen. Sie drehte sich noch einmal um und lächelte ihm zu. Wie eingefroren saß er im Sattel und schaute ihr nach, bis Heinrich neben ihm auftauchte und irgendetwas zu ihm sagte. „Was?“ Unwirsch drehte er sich zu seinem Freund um.
„Da reitet das Herz des Gerbotho von Erkerohde davon. Fortan wird der Arme ohne Herz leben müssen“, spottete sein Freund.
„Das sagt der, der schon mit sechzehn geheiratet hat,“ erwiderte Gero grimmig.
„Ja das war wirklich wunderbar“, gab Heinrich sarkastisch zurück. „Zwei Tage vorher traf ich sie zum ersten Mal, dann haben wir geheiratet, und schon musste ich wieder weg. Jetzt bin ich fast sechs Jahre verheiratet und kenne sie immer noch nicht wirklich.“ Ein trauriger Ton hatte sich in seine Stimme gemischt. Der Rittmeister trieb die Pferde an, und schweigend trabten die Knappen neben einander her, während jeder der Beiden mit seinem Schicksal haderte.

 

Ankunft auf der Neuen Burg

Niemand erwartete die kleine Kolonne am Tor der Neuen Burg. Die Bauarbeiten hatten Amilia und ihre Reitergruppe dazu gezwungen, die Burg erst einmal zur Hälfte zu umrunden, ehe sie zum eigentlichen Burgtor kamen. Wenn alles fertig war, sollten insgesamt vier Tore mit Mauern und Torhäusern jeden Angreifer erst auf diesem halbrunden Weg um die Burg herum führen. Es sah aus, als ob man sich auf einen großen Krieg vorbereitete, dachte Amilia jedes Mal, beim Anblick der halbfertigen Gebäude. Sie saß ab, und die Bediensteten brachten die Pferde und den Wagen weg. Dietrichs kleine Hand schob sich in ihre, und ein wenig ängstlich schaute er zu ihr hoch.
„Wirst du bei mir bleiben?“, fragte er mit ungewohnt dünner Stimme. Unterwegs auf dem Wagen war er zwischendurch eingeschlafen, und bei der Mittagsrast in Elverfeld musste sie ihn wecken. So eine lange Reise hatte der kleine Bursche wahrscheinlich noch nie unternommen. Sie nickte nur, und gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf, die neuerdings von außen direkt in den ersten Stock des Palas und der Kemenate führte. In der Kemenate fanden sie Isabella mit ihrem Sohn und einigen Hofdamen beim Essen. Obwohl sie die Rückkehr der Reiter sicherlich bemerkt haben musste, hatte sie sich zum Empfang der Ankömmlinge nicht einmal erhoben.
„Da seid ihr ja wieder. Setzt euch, wir haben gerade erst angefangen.“ Das war alles, was sie zur Begrüßung über die Lippen brachte. Dann unterhielt sie sich weiter mit ihren Hofdamen, während ihr Sohn unter dem Tisch herumkroch. Bei Amilias Anblick beeilte der Kleine sich, zu ihr herüber zu krabbeln und als sie ihn aufnahm, strahlte er über das ganze Gesicht.
„Mili, Mili!“ Das war bisher seine Abkürzung für Amilia. Immerhin hat mich jemand vermisst, dachte sie wehmütig, während Dietrich immer noch dicht neben ihr stehend die Damen am Tisch beobachtete. Diener hatten inzwischen zwei zusätzliche Essplatten und Becher gebracht. Amilia wies Dietrich auf seinen Stuhl und nahm Platz, ohne das Baby abzusetzen. Plötzlich wandte Isabella sich zu ihr.
„Und, wann wirst du in die Isenburg umziehen?“ Für Amilia war diese Frage wie ein Fausthieb in die Magengrube. Woher konnte sie von Ihren geplatzten Plänen wissen, sie hatte mit niemandem darüber gesprochen? Plötzlich hatte sie keinen Appetit mehr und wäre am liebsten direkt wieder aus der Kemenate geflohen.
„Wie kommst du den darauf?“, fragte sie mit mühsam erzwungener Ruhe.
„Na warum solltest du freiwillig so einen langen Ritt auf dich nehmen? Nur um den kleinen Isenberger abzuholen hättest du das nicht tun müssen. Wie heißt er eigentlich?“
„Dietrich, und ich bin nicht mehr klein.“, meldete sich plötzlich der zukünftige Page neben ihr zu Wort. Amilia musste lächeln, und war froh, dass das Gespräch sich anscheinend jetzt von ihren Plänen entfernte.
„Soso Dietrich. Morgen früh wird Amilia dir dann deinen neuen Zuchtmeister vorstellen, und vielleicht kannst du ja morgen Abend schon aufwarten.“, lachte Isabella. Inzwischen war die Kinderfrau vom Essen zurück und nahm Amilia das Kleinkind vom Schoß. Sie überlegte gerade, ob sie vielleicht doch noch etwas essen sollte, als Isabella sie erneut ansprach.
„Also was ist nun mit der Isenburg? Erzähl mir jetzt nicht, dass du nicht deshalb hin geritten bist.“ Amilia starrte auf ihre Essplatte und überlegte fieberhaft, was sie antworten sollte.
„Oder wollte Sofia dich vielleiht gar nicht?“, setzte die Herzogin nach. Ihr Herz krampfte sich zusammen und sie versuchte verzweifelt den Kloß in ihrem Hals herunter zu schlucken.
„Oh ich sehe, ich habe ins Schwarze getroffen“, stellte Isabella mit höhnischem Unterton fest und lachte laut auf. Die Hofdamen fielen in das Gelächter ein und konnten sich gar nicht mehr beruhigen. Amilia stand auf und holte tief Luft. Sie hatte das Gefühl, der Boden würde unter ihren Füßen weggezogen. Langsam drehte sie sich um und fixierte fest die Tür. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie musste sich sehr konzentrieren, um mit gemessenen Schritten und ohne zu Schwanken durch die Halle zu gehen.
„Du hast ja noch gar nichts gegessen“, hörte sie Isabella noch rufen, aber sie ging steif wie eine Puppe einfach weiter. In dem kleinen Flur, der zur Treppe und zu den oben gelegenen Schlafräumen führte, stand ein Bänkchen. Dankbar ließ sie sich darauf sinken und lehnte den Rücken und den Kopf an die kühle Wand. Die Kälte zog in ihre Schultern und allmählich hörte die Welt auf, sich um sie zu drehen. Sie kannte Isabella nun schon lange genug. Eigentlich hätte sie auf so etwas vorbereitet sein müssen. Nachdem sie ihre Gefühle einigermaßen wieder im Zaum hatte, stand sie auf und ging nach oben in ihre Kammer. Hier war es kühl, und sie wickelte sich in die dicke Wolldecke, bevor sie sich in den kleinen Fenstererker setzte und nach unten sah. Nach einer Weile begannen Tränen sich in ihren Augen zu sammeln und still ließ sie mit ihnen die Trauer und die Enttäuschung auf die Wolldecke tropfen. Es war inzwischen dunkel geworden, und der Halbmond tauchte die dunkle Landschaft unter ihr in fahlen silbrigen Schein. Plötzlich dachte sie an den gestrigen Abend im Garten der Isenburg. Vorsichtig tastete sie nach der Rosenknospe in ihrem Zopf und zog sie zwischen den Haaren hervor. Sie ließ schon traurig den Kopf hängen, aber wenn sie sie zum Trocknen am Stiel aufhing, würde sie später wieder gerade nach oben schauen. In der Schublade des kleinen Tisches fand sie, auch ohne Licht, sofort eine Garnspule und riss einen kurzen Faden ab. Vorsichtig hängte sie die Knospe an der oberen Verriegelung des Fensters auf. Dann setzte sie sich wieder und sah zu der kleinen Rose hinauf. Dieser blonde Bursche mit den hellen Augen hatte direkt in ihr Herz gesehen. Als der Roland ihm einen derben Stoß versetzt hatte, war ihr auch beinahe die Luft weggeblieben. Im Garten hatte er sich zunächst suchend umgesehen, und sie hatte schon befürchtet, er wäre zu einem späten Treffen mit einem Mädchen verabredet gewesen. Dann hatte er so traurig und verloren da gesessen, dass sie nicht einfach so weggehen wollte. Wie hatte sie diesem völlig fremden Burschen so viel, von ihren innersten Gefühlen erzählen können? Als sie darüber nachdachte, fiel ihr auf das sie, seit dem Abschied von Ihrer Mutter in Limburg, nicht mehr mit irgendwem über solche Dinge gesprochen hatte. Es war traurig, aber auch befreiend gewesen mit ihm zu reden. Irgendwie schienen sie sich nahe zu sein, obwohl sie sich ja zum ersten Mal getroffen hatten. Er hatte sie zum Lachen gebracht und nachdenklich gemacht. ‚Zuhause ist da, wo das Herz wohnt‘ hatte er gesagt. Sie seufzte. Wo wohnte ihr Herz? Es flatterte herum wie ein Rotkehlchen im Sturm, es hatte kein Zuhause. Die Burg, auf der sie aufgewachsen war, bewohnte jetzt ihr älterer Halbbruder Heinrich mit seiner Frau Philippa. Ihre Mutter lebte mit ihrem neuen Mann Walram in Limburg. Sie hatte ihm direkt hintereinander vier Kinder geschenkt, und hatte alle Hände voll zu tun mit ihrer neuen Familie. Ihr erster Ehemann, Amilias Vater, hatte sie viele Jahre nur grob für seine Lust benutzt, und sie sonst eher wie eine Gefangene als wie eine Ehefrau behandelt. Amilia freute sich für das neue Glück ihrer Mutter, endlich einen Ehemann gefunden zu haben, der sie respektierte und liebte. Aber gerade deswegen fühlte sie sich jetzt in Limburg ungeliebt und überflüssig. Wieder musste sie weinen, aber dieses Mal brachten die Tränen Erleichterung. Sie fühlte, wie der Schmerz nachließ und ihr Herz ruhiger wurde. Nach einer ganzen Weile zog sie sich aus, und schlüpfte erschöpft in ihr Bett.

Heinrichs Liebe

Am nächsten Morgen erwachte sie schon, bevor es draußen richtig hell war. Schnell stand sie auf, wusch sich mit dem eiskalten Wasser in der Waschschüssel und kleidete sich an. Sie wollte auf keinen Fall mit Isabella frühstücken, aber ihr Magen beschwerte sich lautstark über das ausgefallene Abendessen. Also lief sie eilig die Treppe hinunter in die Küche. Edrina, die Köchin, rührte gerade in dem großen Kessel, der über der Feuerstelle hing. Zwei Mägde saßen am Tisch und frühstückten. Beide sprangen sofort auf und beugten schüchtern ein Knie, als sie eintrat. Dann blieben sie stocksteif hinter ihren Schemeln stehen. Die Köchin drehte sich zu ihr herum und verbeugte sich ebenfalls.
„Hohe Dame, was kann ich für Euch tun?
„Ich habe Hunger, was gibt es zum Frühstück?“ Edrina sah sie verdutzt an und eine der Mägde antwortete eilig:
„Sagt nur, was ihr möchtet, ich werde euch sofort in der Kemenate auftragen.“
„Nein, ich möchte heute nicht in der Kemenate essen. Gebt mir einfach was da ist, und ich esse es gleich hier“ Betretenes Schweigen breitete sich aus.
„Jawohl hohe Dame, ganz wie ihr wünscht“, antwortete die Köchin nach einer Schrecksekunde. Mit einer Geste scheuchte sie die Mägde aus ihrer Starre auf und nahm eine Schale vom Regal. „Ich habe hier Dinkelbrei mit Gemüse fertig, hier steht auch der Korb mit dem Brot. Wenn ihr wünscht, kann ich Euch noch ein Ei oder eine Portion Speck braten, oder…“ Amelie fiel ihr ins Wort, ehe sie noch den ganzen Inhalt der Vorratskammer aufzählte.
„Dinkelbrei und Brot ist ausreichend, vielen Dank.“ Eilig stellten die beiden Mägde die Schale und das Brot vor ihr auf den Tisch. Dann standen alle drei stocksteif da und starrten sie an.
„Bitte, tut einfach so, als wäre ich nicht da, und macht weiterhin das was ihr getan habe bevor ich herein kam.“ Eine der Mägde sah auf ihre halbvolle Schale und antwortete zögerlich:
„Wir waren gerade beim Essen, Herrin.“
„Na dann esst weiter“, antwortete Amilia und biss vom Brot ab. Schüchtern nahm das Mädchen die Schale und ihr Brotstück und floh nach draußen. Die andere griff ebenfalls hastig ihr Frühstück und lief hinterher. Amilia seufzte. In ihrem Elternhaus war man ungezwungener mit den Bediensteten umgegangen, als das hier üblich war. Daher konnte sie sich an dieses seltsame Benehmen der Dienerschaft nicht gewöhnen.
Nachdem sie gegessen hatte, ging sie noch einmal nach oben in ihre Kammer und nahm den dicken, langen Reitumhang vom Stuhl. Draußen war es noch sehr kühl, aber sie wollte unbedingt ein wenig im Wald herumspazieren, um ihre Gedanken zu ordnen. Als sie vor dem inneren Burgtor stand, fiel ihr der Weg wieder ein, den Gero ihr beschrieben hatte. Wenn man aus dem Tor heraus und dann ein wenig nach links ging, sollte man einen schmalen Pfad finden, der an der Bergflanke hinunter bis zum Fluss führte. Diesen Weg und den großen flachen Felsen am Ufer der Wupper wollte sie heute suchen.
Schon bald fand sie den leicht überwucherten Pfad, der sehr steil den Hang hinab führte. Immer wieder musste sie sich an Büschen und Ästen festhalten, um nicht abzurutschen. Schon bald fragte sie sich, wie sie hier je wieder herauf klettern sollte. Den flachen Felsen am Ufer sah sie schon aus einiger Höhe, in der frühen Morgensonne leuchten. Als sie ihn endlich erreicht hatte, ließ sie sich erschöpft darauf nieder und streckte die Beine aus. Hier war es wirklich wunderbar ruhig und entspannend. Die Vögel sangen laut in den hohen Bäumen, und der Fluss gurgelte und schäumte um den Felsen herum. Sie musste lächeln. So laut konnte also Ruhe sein. Entspannt lehnte sie sich gegen den Stein, den die Morgensonne bereits ein wenig angewärmt hatte und sah durch das dichte Laub die kleinen Fetzen von leuchtendem Blau schimmern. Dann schloss sie die Augen und ließ die wenigen feinen Sonnenstrahlen, die bis herunter reichten, auf ihr Gesicht scheinen. Sie stellte sich vor, wie Gero als junger Page hier seine freie Zeit verbracht hatte. Erstaunt stellte sie fest, dass sie seine blauen Augen und sein freundliches Lächeln schon vermisste.

***
Bis zum Abendessen war auch Graf Heinrich wieder in die Burg zurückgekehrt, und es ließ sich für Amilia nicht länger vermeiden, in der Kemenate mit der Familie zu speisen. Mit Heinrichs Burgmannen und Isabellas beiden Hofdamen war der lange Tisch gut gefüllt. Falls Erzbischof Engelbert in den nächsten Tagen zurückkehren sollte, müssten sie die Tafel verlängern. Im Rittersaal zu speisen, war so früh im Jahr noch keine Alternative, da der riesige Raum sich nicht ordentlich heizen ließ. Hier in der Kemenate war es dagegen recht warm.
Die Gespräche am Tisch drehten sich um die bevorstehende Hochzeit von Otto van Dale. Amilia saß neben Hofdame Aleidis so weit wie eben möglich von Isabella entfernt und schwieg. Sie war froh, dass Isabella durch die Neuigkeiten abgelenkt war, und sie heute Abend anscheinend ignorieren wollte. Nachdem das Essen abgetragen war, unterhielten sich alle noch bei einigen Bechern Met oder Wein. Plötzlich winkte Isabella Amilia zu sich heran. Widerstrebend ging sie herüber, und wappnete sich innerlich gegen das, was nun kommen würde.
„Amilia möchte uns verlassen Heinrich. Kannst du dir das vorstellen?“ Überrascht sah Heinrich zu ihr herüber.
„Stimmt das? Fühlst du dich hier bei uns nicht wohl?“ Heinrich sah ernsthaft besorgt aus, und Amilia verwarf den spontanen Gedanken, ihm ihre wirklichen Motive zu unterbreiten. Sie seufzte und setzte zu der sorgfältig formulierten Erklärung an, die sie sich heute früh überlegt hatte.
„Ach, ich fühle mich hier irgendwie nutzlos. Irmgard hat ja zu ihrer Gesellschaft schon Aleidis und Geris und ich dachte, vielleicht möchte Sofia gern, das ich zu ihr nach Isenberg komme. Ihr hat die Idee allerdings nicht gefallen.“ Wieder spürte sie die Ablehnung Sofias und Isabellas wie einen Messerstich. Heinrich wandte sich an seine Frau.
„Ich habe Vater versprochen, das Amilia hier bei uns ein gutes Zuhause finden würde. Ich denke nicht daran mein Versprechen zu brechen.“
„Aber es ist doch nicht meine Schuld, sie will es ja selbst,“ empörte sich Isabella über den unausgesprochenen Vorwurf.
„Wir beide sprechen darüber später noch einmal.“, erwiderte Heinrich ärgerlich. Amilia blickte betreten zu Boden.
„Ich würde mich gerne zurückziehen.“, sagte sie leise und vermied es Heinrich anzusehen.
„Natürlich meine Liebe, wie du möchtest. Gute Nacht.“ Erleichtert verließ Amilia den Raum und lief eilig nach oben. Im Flur hörte sie ein unterdrücktes Schluchzen. Sie ging an ihrer Kammer vorbei, und einige Türen weiter fand sie den Ursprung des Weinens. Die Kinderstimme konnte eigentlich nur von Dietrich kommen, und so beschloss sie anzuklopfen.
„Ja?“ Der ängstliche Ton wurde von Schluchzern gefolgt. Amilia trat ein und Dietrich sprang sofort aus dem Bett in ihre Arme.
„Amilia, ich kann nicht schlafen. Es ist hier so dunkel. Niemand singt mein Gutenachtlied. Ich vermisse Elsa.“
„Oh, beruhige dich erst mal, und kuschel dich wieder in dein Bett, bremste sie seinen Redeschwall. „Ich werde den Fensterladen ein wenig öffnen, so dass der Mond herein scheint. Dann ist es nicht mehr so dunkel. Wenn du wieder im Bett bist, werde ich dir ein Lied singen.“ Eilig hüpfte Dietrich wieder in den Alkoven, und Amilia setzte sich davor auf einen niedrigen Schemel. Es brauchte drei lange Gutenachtlieder, bis Dietrich endlich eingeschlafen war. Leise stand sie auf, und trat auf den Flur hinaus. Eine dunkle Gestalt neben der Tür ließ sie erschreckt zusammenfahren. Als er einen Schritt nach vorn trat, fiel das Mondlicht auf sein Gesicht, und sie erkannte Heinrich. Erleichtert seufzte sie auf.
„Amilia, du singst so wundervoll.“ Heinrichs Stimme bebte, und er machte noch einen Schritt zu ihr, um ihre Hand zu nehmen. Voller Sehnsucht sah er tief in ihre Augen und drückte ihre Hand an sein Herz. Ohne Umschweife brachte er zur Sprache, warum er hier auf sie wartete.
„Meine Liebe, du weißt, was ich für dich empfinde, bitte geh nicht weg von hier.“ Amilia senkte den Blick und zog ihre Hand zurück.
„Ja gerade deswegen muss ich weg gehen. Versteh doch. Isabella hat sicherlich deine verstohlenen Blicke schon bemerkt, und das wird wohl der Grund sein, warum sie mich nicht hier haben will.“
„Ich bin ihr stets ein treuer Gemahl, ich dachte das weiß sie.“ Heinrich wich einen Schritt zurück.
„Ja das bist du, aber wie kann sie sicher sein, das das immer so bleibt. Bitte Heinrich, ich kann hier nicht bleiben.“ Traurig senkte er den Kopf.
„Oh Amilia, ich weiß, dass du meine Gefühle nicht erwiderst, schon allein deshalb kann ich Isabella niemals untreu sein.“ Er trat wieder dicht an sie heran und sah sie mit einem flehentlichen Blick an. „Allein das du hier bist, ist der Grund für mich, gern nach Hause zurück zu kommen. Auch wenn ich dich niemals besitzen kann, ist doch deine Anwesenheit wie ein Licht in dieser dunklen Burg. Du weißt, ich hätte lieber dich geheiratet, aber die Politik ist stärker als die Liebe. Ich hatte keine Wahl.“ Als sie sich damals, bei der Hochzeit seines Vaters mit ihrer Mutter kennen gelernt hatten, war er sogleich für sie entflammt. Insgeheim war sie froh darüber, dass die wichtige familiäre Verbindung der Herzogtümer Limburg und Berg die Heiratspolitik bestimmt hatte, und nicht seine Gefühle. So sehr es ihr schmeichelte, dass er sie liebte, sie erwiderte diese Gefühle nicht. Manchmal hatte sie seine unbeholfenen Annäherungsversuche sogar abstoßend gefunden. Dass er sie nach der Geburt seines Sohnes als Hofdame an die Neue Burg geholt hatte, war ihr gleich unangenehm gewesen. Allerdings hatte sie gehofft, dass er seine Liebe für Isabella entdeckt hätte, und sie in Ruhe lassen würde.
„Ich werde noch einmal darüber nachdenken“, seufzte sie schließlich. Er fasste wieder ihre Hand, und führte sie an seine Lippen. Zart küsste er ihre Handfläche, um sie dann gegen seine Wange zu drücken.
„Du wirst die richtige Entscheidung treffen.“ Hoffnungsvoll seufzte er auf, und ließ ihre Hand los. Sie drehte sich um, ging zu ihrer Kammer herüber und öffnete die Tür. Als sie hinein ging, sah sie ihn immer noch im Mondlicht stehen, und ihr nachblicken. Mit einem Seufzer ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Irgendwie tat er ihr ja fast schon leid. Trotzdem konnte sie hier nicht bleiben, aber wohin konnte sie gehen? Bitter lachte sie auf. In ein Kloster könnte sie jederzeit gehen. Die notwendigen Zahlungen wären für ihre Familie kein Problem, und wahrscheinlich auch nicht höher, als eine Mitgift im Falle einer Hochzeit es wäre. Dieser Gedanke hatte sich ihr schon oft aufgedrängt. Allerdings hatte sie nie eine besonders tiefe Verbindung zum Glauben gehabt, und ihre Freiheitsliebe wäre mit klösterlichen Regeln sicherlich nicht zu vereinbaren. Eigentlich blieb ihr nur, zu ihrer Mutter nach Limburg zurückzukehren. Im großen Haushalt des Schlosses Limburg würde sie nicht weiter auffallen. Sie müsste sich nur eine plausible Geschichte ausdenken, warum sie nicht in der Neuen Burg geblieben war. Heinrich würde sie freiwillig nicht gehen lassen, das war ihr nach dem Gespräch von vorhin klar geworden. Allerdings waren es zu Pferd und ohne langsame Wagen schon zwei bis drei Tagesreisen bis Limburg. Ganz allein konnte sie also auch nicht einfach verschwinden. Isabella würde sie gerne loswerden, das konnte sie vielleicht für eine heimliche Reise, ohne Heinrichs Wissen nutzen. Sobald Heinrich wieder mal die Burg für mehrere Tage verlassen würde, wollte sie mit Isabella sprechen.