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Buchstaben zu Worten zu Sätzen zu Geschichten zu Träumen

Eine Frage der Perspektive. Diese Geschichte kann man horizontal oder vertikal lesen. Probier am besten beide Varianten aus.

Bei Sonnenuntergang

Josh

Leona

Der Blick auf den Sonnenuntergang und seine Spiegelungen im Wasser ist atemberaubend. Ja, ich muss zugeben, dass es gut ist, mit meinem Bruder hier auf der Terrasse zu sitzen und dieses wunderbare Schauspiel zu beobachten. Schade nur, dass wir nicht wegen des Sonnenuntergangs hier sind. Er hat sich mit seiner neuen Arbeitskollegin Theresa verabredet, mit der er flirtet, seit sie in seiner Abteilung arbeitet. Was ich jetzt dabei soll, erschließt sich mir nicht, aber aus irgendeinem Grund hat er mich mitgeschleift. Noch einmal lasse ich den Blick über das Wasser gleiten und wünsche mir, ich könnte einfach nur hier sitzen und das farbenfrohe Bild genießen.
***

Heute Abend auszugehen ist überhaupt keine gute Idee. Gerade erst bin ich von meiner Schwester aus dem Krankenhaus zurückgekommen, als Terry mich anruft und mich unbedingt zu ihrem Date mitschleifen muss. Da sie wegen dem neuen Typ noch etwas nervös ist, muss ich als ihre beste Freundin natürlich einspringen. Er hat angeblich auch jemanden dabei und ich hoffe inständig, dass der Kerl nicht nervt. Heute habe ich auf das übliche Rumgebagger wirklich keine Lust. Ein kühles Bier beim Sonnenuntergang lasse ich mir allerdings gefallen und heute ist ein wolkenloser Tag, also wird die Sonne malerisch über dem Wasser versinken.
***

Plötzlich stößt sein Ellenbogen in meine Seite und er gestikuliert wild nach rechts. „Sieh an, da kommt Terry schon und sie hat noch jemanden mitgebracht.“ Ich schaue kurz auf und sehe zwei Frauen auf uns zukommen, mehr kann ich mit dem flüchtigen Blick nicht erkennen. Sie hat also tatsächlich jemanden mitgebracht. Das war jetzt wirklich nicht nötig, denke ich ernüchtert und starre in mein Bier. Dann hole ich tief Luft und wappne mich für das, was unweigerlich jetzt kommt.
***

Als wir an der Bar ankommen, winkt uns jemand sofort heran und Terry wird ganz hibbelig. Die beiden Burschen sehen wirklich gut aus und es ist unverkennbar, dass sie Brüder sind. Beide haben leicht verstrubbelte Locken und breite, muskulöse Schultern, zwei Attribute, die mir an Männern sehr gefallen. Die Körpersprache der Beiden könnte allerdings nicht unterschiedlicher sein. Einer der Brüder hat ganz offensichtlich heute Abend keine Lust auf Gesellschaft.
***

Max hat die beiden Frauen bereits herangewinkt und ich erkenne aus den Augenwinkeln, dass Terry mit einem breiten Lächeln auf ihn zukommt. Ihre Begleiterin kann ich nicht gut sehen, da die Sonne direkt hinter ihr steht und mich blendet. Ergeben starre ich wieder in mein Glas und wartete einfach ab, was weiter passieren wird. Max steht auf, um Terry zu umarmen und wird direkt vorgestellt. „Hi Max, das ist meine Freundin Leona. Leona, mein Arbeitskollege Max.“ Kurz versuche ich einen Blick auf die Freundin, mit dem ungewöhnlichen Namen zu erhaschen, aber schon bin ich an der Reihe. „Hallo ihr Beiden, schön dich kennen zu lernen, Leona. Das hier ist mein Bruder Josh. Bruderherz, du hast ja  gehört, das sind Terry und Leona.“ Terry winkt kurz. „Hi.“ Dann wendet sie sich wieder meinem Bruder zu.
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Terry ist offensichtlich völlig hingerissen, denn sie grinst inzwischen fast im Kreis, während wir uns dem Tisch nähern. Der uns herangewinkt hat, steht auf und nimmt Terry gleich in den Arm, während der Andere verkrampft sitzen bleibt und sein Bier hypnotisiert. Sein Gesicht ist angespannt und obwohl, oder vielleicht gerade, weil er mich nicht ansieht, fühle ich etwas kaltes, gleich einer dicken Glasscheibe zwischen uns emporwachsen. Terry stellt uns vor und Max antwortet höflich. Dann erfahre ich, dass sein Bruder Josh heißt. Dieser Josh sitzt mit sichtbar verspannten Schultern da, starrt sein Glas an und wird es wahrscheinlich gleich zum Schweben bringen, aber für eine höfliche Begrüßung hat er anscheinend nicht mal einen einzigen Blick übrig. Ich unterdrücke ein Seufzen, während ich ihn auffordernd anstarre.
*** 

Leona sagt zunächst nichts, sondern streckt mir ihre Hand hin. Gefühlt mehrere Sekunden starre ich ihre Hand an, bevor mir einfällt sie zu greifen und zu schütteln. Ihre kleine Hand passt erstaunlich gut in meine. Schade, dass ich sie wieder loslassen muss. Gerade wundere ich mich über diesen seltsamen Gedanken, als sie mich anspricht. „Hallo Josh.“ Ihre Stimme spült wie eine warme Welle über mich hinweg und ich sehe fasziniert hoch. Das Einzige, das ich mit dem kurzen Blick einfange sind ihre Augen. Ungewöhnlich hell leuchten sie aus ihrem leicht getönten Gesicht und sehen mich mit einer Wärme an, die direkt in meinen Brustkorb fährt. Ich habe für einen Augenblick das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Es fällt mir schwer, meine Augen von ihr loszureißen und es dauert noch viel länger als gewöhnlich, bis ich endlich ein gepresstes „Hi“ hervorbringe.
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In der Hoffnung, die eiskalte Wand zu durchbrechen, strecke ich ihm wortlos meine Hand hin und zuerst habe ich das Gefühl, er würde auch das ignorieren. Als er sie dann schließlich ergreift, zieht mir der warme und feste Händedruck wie ein Elektroschock durch den Körper. Beinahe erschrocken hole ich Luft und hoffe, dass meine Stimme nicht zittert, als ich ihn begrüße. Unvermittelt sieht er auf und unsere Blicke treffen sich. Seine dunklen Augen scheinen direkt in mich hinein zu sehen, und das mit einer Hitze, die mein Herz beinahe in Flammen aufgehen lässt. Einen Augenblick lang bin ich wie hypnotisiert und starre ihn einfach nur an, doch er hat seinen Blick schon wieder gesenkt. Als ich gerade wieder beginne normal zu atmen, höre ich seine tiefe, kratzige Stimme und wünsche mir, er hätte mehr gesagt, als nur dieses eine Wort.
***

 

Wie immer kann Max sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Nimm es nicht persönlich, Leona. Josh ist nicht der größte Redner unter der Sonne.“ Dann klopft er mit der Hand auf meine Schulter und wendet sich anschließend Terry zu. Wie sehr ich diese herablassende Geste verabscheue, wird er wohl nie verstehen. Kurz schließe ich die Augen, dann versuche ich ein entschuldigendes Lächeln in Leonas Richtung. Mit einem ironischen Grinsen rollt sie die Augen und nickt zu Max hinüber. „Brüder.“ Dann schüttelt sie den Kopf und setzt sich neben mich.
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Dann lässt sein Bruder einen seltsamen Kommentar ab und ich sehe, wie Josh bei seinen Worten förmlich zusammenzuckt. Der gönnerhafte Schulterklopfer tut sein Übriges und ich fühle mich unmittelbar an meine Schwester erinnert. Was auch immer da gerade genau zwischen Max und Josh gelaufen ist, es ist exakt das gleiche Gefühl, das meine Schwester mir stets vermittelt, wenn wir zusammen irgendwo auftauchen. Weil ich sehr gut weiß, wie unnötig und erniedrigend das ist, versuche ich, ihn etwas aufzuheitern, bevor ich mich neben ihn setze.
***

Mit dem Rücken zur Steinmauer, die noch die restliche Sonnenwärme abstrahlt, sitzen wir da und sehen auf das Wasser hinaus. Unsere Arme liegen auf den Lehnen der Korbsessel, nur wenige Millimeter voneinander entfernt, jedoch ohne sich zu berühren. Ich lehne den Kopf nach hinten, an die Wand und schlucke schwer. Inzwischen ist der Druck auf meiner Brust etwas leichter geworden, aber immer noch erwarte ich eine Frage, auf die ich antworten müsste und mein Herzschlag hat inzwischen ein wildes Tempo aufgenommen. Natürlich möchte ich gern mit Leona sprechen, aber eine zwanglose Unterhaltung wird es für mich nie mehr geben. Bereits die ersten zwei aneinander gefügten Silben werden mich verraten. So sitze ich einfach nur da und versuche still ihre Anwesenheit zu genießen, solange sie noch dauern wird. Terry plappert unaufhörlich und von Max höre ich ab und an ein zustimmendes Brummen, ohne dass er weiter zu Wort kommen würde. Beinahe muss ich laut lachen. Mich bezeichnet er als den stillen Typen und selbst bekommt er bei ihr kaum ein Wort dazwischen.
***

Der Sonnenuntergang ist wirklich großartig und ich genieße eine Weile einfach nur die Aussicht. Mein Arm liegt ganz nah neben seinem und obwohl sie sich nicht berühren, kann ich die Wärme seiner Haut spüren. Ich atme tief durch, versuche mich zu entspannen und den angenehmen Abend zu genießen. Eigentlich bin ich sogar froh, dass Josh mich nicht so vollquatscht, wie Terry das mit dem armen Max gerade tut.
Seit meine Schwester im Krankenhaus ist und ich mich um ihre kleine Tochter kümmere, habe ich mich nicht mehr wirklich entspannt. Ich bin erleichtert, dass Jenny heute Abend bei den Großeltern bleiben konnte, obwohl ich die Kleine eigentlich gern um mich habe. So ein Alltag mit Kleinkind ist neben dem Buchladen ganz schön anstrengend, auch wenn sie während meiner Arbeitszeit ja bei ihrer Oma ist. Immerhin können wir so gemeinsam für sie sorgen, bis ihre Mama hoffentlich bald wieder nach Hause kommt. Ich werde von der Wärme an meinem Arm aus den Gedanken gerissen und habe plötzlich den Wunsch, seine Haut richtig zu fühlen.
***

Plötzlich fällt mir auf, dass Leonas Arm meinen von der Hand bis zum Ellenbogen berührt. Ihre Wärme schwappt zu mir herüber und wieder wird mein Brustkorb eng. Es ist viel zu lange her, dass eine hübsche Frau mich so berührt hat und ihre nackte Haut an meinem Arm lässt meinen Körper völlig unangemessen reagieren. Noch während ich verzweifelt versuche, meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen, spüre ich plötzlich Max Ellenbogen in meiner Seite. „Hey, großer Schweiger, wovon träumst du denn gerade? Terry hat dich etwas gefragt.“ Ich atme noch einmal ein und bringe ein fragendes „Hm?“ zustande. Terry sieht mich mit leicht schief gelegtem Kopf an. „Ich wollte nur wissen, ob du auch in unserer Firma arbeitest, oder was du so machst.“ Es ist vorbei, jetzt bin ich erledigt. Als Antwort auf diese Frage wird eine einzelne Silbe  nicht ausreichen. Na gut, da muss ich jetzt durch.
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Vorsichtig bewege ich mich ein wenig, bis unsere Unterarme auf ganzer Länge aneinander liegen. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht hörbar zu seufzen, als die Hitze seiner Berührung sich durch meinen ganzen Körper brennt. Mein Herzschlag nimmt deutlich Tempo auf und ich frage mich, wann ich zuletzt eine solche Berührung gespürt habe. Schon viel zu lange habe ich mich nur in der Arbeit vergraben und mich nicht mehr um das sehnsüchtige Ziehen in meinem Herzen gekümmert. Nach der letzten Enttäuschung mit Peer hatte ich genug von Beziehungsproblemen, aber inzwischen ist das ewig her und mein dummes kleines Herz sehnt sich schon lange wieder nach Zweisamkeit. Bisher hatte ich mich nicht getraut, diesem Drang nachzugeben. Wenn ich ehrlich bin, hatte es auch niemanden gegeben, der mich überhaupt irgendwie in Versuchung geführt hätte.
***

Mühsam suche ich die Worte zusammen und bringe die Silben in eine Reihe. Zäh und mit einem deutlichen Abstand dazwischen presse ich sie hervor und bemühe mich, meine Atmung dabei zu kontrollieren, wie ich es gelernt habe. „Nein, ich arbeite zuhause, ich bin Hacker.“ Die Berufsbezeichnung würde normalerweise weitere erstaunte Fragen nach sich ziehen, das hat sie früher immer getan. Aber jetzt ist es natürlich meine zähe Aussprache, die alle Aufmerksamkeit bekommt. Immerhin hat Terry gewartet, bis mein Minisatz fertig ist. Das ist ein Luxus, der mir nicht immer zuteil wird. Irritiert sieht sie mich an und ich erwarte wieder den unvermeidlichen gönnerhaften Kommentar meines Bruders. Erstaunlicherweise bleibt der heute aus und auch Terry sagt nichts weiter. Sie wendet sich Gott sein Dank einfach ab, aber Leona hat sich etwas nach vorn gebeugt und sieht mich erwartungsvoll an. Überrascht stelle ich fest, dass ihr Arm meinen immer noch berührt und sich inzwischen unsere kleinen Finger ineinander verhakt haben.
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Als ich gerade überlege, wie ich mit Josh ins Gespräch kommen könnte, höre ich ihn etwas sagen. Schwer und langsam schieben sich einzelne Silben aus seinem Mund, doch seine tiefe und raue Stimme klingt angenehm, wie das Rauschen des Meeres. Deshalb spricht er also nur so wenig wie möglich und das war, was sein Bruder vorhin mit der Bemerkung meinte. Josh kämpft mit den Worten, während Terry ihn anstarrt und ich habe plötzlich den Drang seine Hand zu nehmen. Natürlich traue ich mich das nicht, aber da unsere Hände schon so nah beieinander liegen, schiebe ich meinen kleinen Finger unter seinen und hake ihn ein. Terrys Gesicht verzieht sich bei jedem Wort mehr und ich bete, dass sie nicht auch noch mit den Augen rollt, bevor er den Satz zu Ende gesagt hat. Ihre Unhöflichkeit ist mir unendlich peinlich und als sie sich wieder abwendet, ohne überhaupt zu antworten, bin ich eigentlich froh. So kann ich meine Frage stellen, denn seine Berufsbezeichnung hat mich doch neugierig gemacht.
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Ich starre auf unsere Hände und hätte beinahe ihre Frage gar nicht mitbekommen. „Hacker? Ich hätte nicht gedacht, dass das ein Beruf ist. Für welche Firma arbeitest du denn?“ Kurz sehe ich in ihre hellen Augen und bin verwirrt. Hat sie nicht mitbekommen, wie ich rede? Vielleicht war sie in Gedanken versunken und hatte nur das letzte Wort gehört. Ich schlucke hart und sammele die Worte zu einer möglichst kurzen Antwort. „Ich arbeite freiberuflich für verschiedene Firmen.“ Die ganze Zeit, die ich für diesen Satz brauche, sieht sie mich interessiert an. Jetzt scheint sie auf weitere Erklärungen zu warten und als nichts weiter von mir kommt, fragt sie nach. „Und was tut man als freiberuflicher Hacker?“ Ein kleines Lächeln kämpft sich auf meine Lippen. Sie scheint sich tatsächlich dafür zu interessieren. Während Terry bereits wieder ihren Monolog über Max ergießt, wartet Leona geduldig, bis ich meine nächsten Worte gefunden habe. Diese Antwort muss etwas länger ausfallen, also gebe ich mir Mühe. „Ich überprüfe die Computersysteme der Firmen auf Sicherheitslücken. So können die Programmierer die Löcher stopfen, bevor die bösen Jungs sie finden.“
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Als ich ihn genauer nach seinem Job als Hacker frage und für wen er denn arbeitet, starrt er nur auf meinen kleinen Finger. Jeden Moment rechne ich damit, dass er seine Hand wegnimmt und mir die angenehme Wärme seiner Berührung entzieht. Aber er tut es nicht, sieht nur auf unsere Hände und für einen kurzen Augenblick habe ich den Eindruck, er würde seinen Arm leicht gegen meinen drücken. Er schluckt und starrt wieder auf sein Bierglas. Einen Wimpernschlag lang fürchte ich, dass er nichts weiter sagen wird, aber dann antwortet er, dass er Freiberufler wäre. Mehr kommt nicht, aber ich möchte gern noch mehr von seiner Stimme hören. Ich weiß, dass es ihm schwerfällt zu reden und es ist sicher egoistisch, aber ich frage nach, was genau sein Beruf bedeutet. Als er mich plötzlich anlächelt, wird mir furchtbar heiß. Ich verstehe nicht  was hier passiert. So seltsam habe ich mich noch nie in der Nähe eines Mannes gefühlt, noch nicht einmal als Teenie und schon gar nicht in der Nähe von Peer. Innerlich schüttel ich den Kopf. Daran will ich jetzt nicht denken, ich möchte mich lieber nur auf heute Abend und den Kerl neben mir konzentrieren.
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Das war seit Ewigkeiten die längste Erklärung, die über meine Lippen gekommen ist. Immer noch sieht Leona mich interessiert an und immer noch sind unsere kleinen Finger ineinander verhakt. „Das hört sich ja spannend an. Dagegen ist mein Beruf schon beinahe zum Gähnen.“ Sie lacht und die kleine Bewegung, die ihr Arm dabei macht, ist wie ein Streicheln auf meiner Haut. Es kostet mich ziemliche Mühe, mich nicht näher an sie zu lehnen, obwohl mein ganzer Körper nach ihrer Berührung lechzt. Verflixt, es ist wirklich schon viel zu lange her. Seit der Teil meines Gehirns, der für Motorik und Sprache zuständig ist, nicht mehr richtig funktioniert, hat es keine Frau mehr länger als zwei Sätze in meiner Nähe ausgehalten. Sobald ich den Mund aufmache, denken sie ich wäre nicht ganz richtig im Kopf und suchen eilig das Weite. Ein bitteres Gefühl zieht durch mich hindurch. Irgendwie stimmt das ja auch. Mein Gehirn funktioniert nicht mehr so wie es soll. Allerdings beschränkt sich das auf diese beiden kleinen Bereiche und der ganze Rest scheint seit dem nur noch schneller zu laufen. Mein Kopf ist übervoll mit Worten, nur kann ich sie leider nicht heraus bekommen. Zumindest nicht in einem Tempo, das meine Gesprächspartner abwarten können. Leona scheint das überhaupt nicht zu stören. Mit klopfendem Herzen versuche ich daher, so etwas wie ein Gespräch in Gang zu halten.
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Seine Erklärung hört sich irgendwie lustig an, aber ich kann mir diesen gutaussehenden, muskulösen Kerl mit der Reibeisenstimme immer noch nicht als Computernerd vorstellen. Wahrscheinlich habe ich auch davon eine zu einseitige Vorstellung. Als ich an meinen eigenen Beruf denke, muss ich lachen. Bei einer Buchhändlerin stellt sich wahrscheinlich jeder Mann die langweiligste Person überhaupt vor. Die Haare seines Unterarms kitzeln auf meiner Haut und plötzlich möchte ich mit einem Finger über seine Haut streichen. Oder mit der ganzen Hand, oder mit meinem ganzen Körper. Halt! Ich spüre, dass mein Körper auf einmal eigene Vorstellungen vom weiteren Verlauf des Abends hat. Was ist nur in mich gefahren? Ist es wirklich so lange her, dass ich schon so drastische Entzugserscheinungen habe. Nein, das ist nicht fair. Ich bin nicht einfach scharf auf irgendwen, sondern auf den faszinierenden Mann, der neben mir sitzt. Plötzlich spüre ich, wie er sich wieder zurückzieht. Nicht körperlich, sein Arm liegt immer noch neben meinem. Aber er starrt wieder in sein Glas und sein Gesicht ist verschlossen wie am Anfang unseres Treffens. Was ist nur passiert? Hat es etwas mit dem zu tun, das ich gesagt habe? Ich spanne mich an und frage mich, wie ich unsere Unterhaltung in Gang halten kann, als er mir zuvorkommt.
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„Und was machst du?“ Sie seufzt und lehnt sich wieder nach hinten. „Ich bin Buchhändlerin.“ Ihre vollen und ungeschminkten Lippen verziehen sich zu einem schiefen Grinsen und ich erkenne jetzt, dass ihre Augen ein helles Grün haben, mit einem deutlich dunkleren Rand. Am liebsten möchte ich diese faszinierenden Augen die ganze Zeit anstarren. „Das hört sich nicht so spannend an, wie Hacker, aber ich liebe Bücher. Sicher findest du das echt langweilig.“ Hastig schüttele ich den Kopf. Nichts an ihr könnte ich je langweilig finden. Ihr schmales Gesicht verschwindet beinahe, als sie den Kopf senkt und die braunen Locken nach vorn fallen. Der Buchladen meiner Kindheit huscht durch meine Erinnerung und wieder steigt mir der Geruch von Büchern und Tee in die Nase. So viele wunderbare Erinnerungen sind damit verbunden, dass ich mich für einen Moment vergesse, und ihre Hand greife. Worte drängen ohne mein Zutun einfach hinaus. „Meine Großmutter hatte einen Buchladen, neben unserem Haus. Ich habe dort als Kind viel Zeit verbracht. Es war wunderschön.“ Wieder wartet sie, bis mein zäher Redeschwall zu Ende ist. Es scheint leichter zu werden, denn ich merke, dass die Abstände zwischen den Silben kürzer sind als vorhin. Ich spüre den Wunsch, noch mehr zu sagen. Verrückt.
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Seine Frage nach meinem Beruf entspannt mich wieder, aber gleichzeitig ist mir bei der Antwort nicht ganz wohl. Ja, Buchhändlerinnen sind wahrscheinlich wirklich die langweiligsten Personen auf Gottes Erde. Nun, das kann ich nicht ändern. Es ist eben das, was ich liebe und wer hat schon den Luxus, seine große Liebe zum Beruf machen zu können. Ich grinse ein wenig in mich hinein, als ich an die alte Dame denke, deren restlichen Buchbestand ich übernommen habe. So wie sie hatte ich mir früher immer eine Buchhändlerin vorgestellt. Sie schloss ihren hübschen kleinen Laden in einer engen Nebenstraße nur wenige Wochen, bevor ich mein Geschäft eröffnen wollte. Da bei mir die Ladenfläche eigentlich etwas zu groß ist, war ich auf der Suche nach günstigem Füllmaterial für die hinteren Bereiche. Dort hatte ich zum gemütlichen Schmökern zwei Leseecken eingerichtet. Die Dame war froh, dass ihre Restbestände quasi in gute Hände kamen und wir sind uns schnell einig geworden. Immerhin gab es zwischen all dem Füllmaterial auch noch ein paar überraschende antiquarische Schätze, die ich als unverkäuflich ausgezeichnet und nur zur Ansicht in ein besonderes Regal gestellt habe. Es war wirklich ein Glück, dass ich das Schild in ihrem Fenster zufällig gesehen hatte.
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Mit einem breiten Lächeln sieht sie wieder auf und ich kann meinen Blick nicht mehr von ihren vollen Lippen lösen. „Ich habe seit drei Jahren einen eigenen Laden in der Innenstadt. Es war schon immer mein Traum, einen eigenen Buchladen zu haben. Er ist wie ein zweites Zuhause für mich.“ Ich nicke und meine Antwort kommt prompt und ohne, dass ich darüber nachdenke. „Ich war nach der Schule immer in Nonnas Laden, weil meine Eltern erst abends nach Hause kamen. Leider wurde das Geschäft geschlossen, als sie zu alt wurde und keinen Nachfolger finden konnte.“ Sie sieht auf unsere Hände und lächelt. Noch immer sind meine Finger mit ihren verflochten und ich bemerke auf einmal, wie surreal die ganze Szene ist. Obwohl die Sätze immer noch zäh und zerrissen sind, unterhalte ich mich mit einer wunderbaren Frau und halte dabei auch noch ihre Hand. Hätte mir das jemand, vor einer Stunde vorhergesagt, ich hätte ihn ausgelacht.
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Seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, als er von dem Buchladen seiner Großmutter berichtet. Ich versuche mir vorzustellen, wie er als Junge ausgesehen hat und stecke dieses Bild zwischen die Bücherregale. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, ihn über ein Buch gebeugt auf dem Boden zwischen den Regalen sitzen zu sehen, wie die Kinder das in meinem Laden auch gern tun. Er hält meine Hand und während er spricht, verschränken sich wie von selbst unsre Finger genauso wie unsere Gedanken. Ich muss lächeln über diesen Vergleich, der mir da durch den Kopf geht. Als ich wieder aufschaue, bemerke ich, wie er mich fasziniert ansieht. Dann spricht er weiter vom Laden seiner Nonna und jetzt erst fällt mir auf, dass das Reden für ihn leichter zu werden scheint. Vielleicht ist es einfacher, über Dinge zu sprechen, die er mag und seine Großmutter mit ihrem Laden mag er ganz sicher sehr.
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Tatsächlich beginnen wir, uns über Bücher und Autoren zu unterhalten und stellen fest, dass wir einen ganz ähnlichen Geschmack haben. Inzwischen ist die Sonne komplett untergegangen und der Sternenhimmel spannt sich über das Wasser. Ich habe völlig die Zeit vergessen und spüre erst jetzt, dass die abendliche Kühle mir eine leichte Gänsehaut verursacht. Außerdem kann ich den Drang meiner Blase inzwischen kaum noch ignorieren. Ich hätte nicht so viel trinken sollen, denn jetzt wird dieser außergewöhnliche Abend unweigerlich enden. Schon lange habe ich es nicht mehr genossen, mich mit jemandem zu unterhalten, aber heute Abend ist dieses Wunder geschehen. Aus einem unerfindlichen Grund macht es mir nicht mehr so viel aus, dass meine Worte schwerfällig und meine Sätze wie Kaugummi sind. Vielleicht liegt es daran, dass Leona mir das Gefühl gibt, das sie mir gern zuhört. Das ist natürlich völlig absurd, wer würde mir schon gern zuhören. Trotzdem könnte ich noch die ganze Nacht mit Leona über Bücher und über alles mögliche Andere reden. Beinahe schüttel ich den Kopf über dieses erstaunliche Gefühl. In einer wilden Fantasie würde ich sie sogar in ihrem Laden besuchen, sie zum Essen einladen, mit ihr händchenhaltend unten am Wasser sitzen, sie küssen und… Ich atme tief durch. Nein, von solchen Vorstellungen muss ich mich schnellstens wieder befreien. Leider weiß ich zu genau, was als Nächstes passieren wird. Ich werde aufstehen, auf meine überaus elegante Art zur Toilette humpeln und wenn ich zurückkomme, wird sie weg sein.
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Wir unterhalten uns noch über alle Sorten von Büchern und stellen zu meiner Überraschung fest, dass wir dieselben Autoren lieben. Auch sonst scheinen wir in vielen Dingen ganz ähnliche Meinungen zu haben und Josh wird mir mit jeder Minute sympathischer. Ich sehe zum Sternenhimmel hoch, während er spricht und wundere mich über den erstaunlichen Verlauf des heutigen Abends. Eigentlich wollte ich ja gar nicht erst mitkommen, aber ganz sicher wollte ich in Ruhe gelassen werden und nicht flirten. Jetzt sitze ich hier und wünsche mir, dass dieser besondere Abend mit diesem besonderen Menschen noch lange nicht zu Ende geht. Die Sonne ist verschwunden und es wird inzwischen kühler. Noch ist es angenehm, dass die Hitze des Tages nachlässt und die Wand hinter uns strahlt auch noch Wärme ab, aber bald wird mir in meiner dünnen Bluse kalt werden. Die Wärme seines Armes ist jetzt noch deutlicher zu spüren und ich frage mich, ob er seinen Arm um mich legen würde, wenn ich ihm sage, dass ich friere. Natürlich bin ich dazu auch wieder zu schüchtern und stattdessen genieße ich den Klang seiner tiefen Stimme und die Berührung seiner Haut an meiner. Unvermittelt wird er still und weicht meinem fragenden Blick aus. Ich verstehe nicht, warum das so ist, aber es macht mich ein wenig traurig. Gerade hatten wir so viel Gemeinsames gefunden, und jetzt spüre ich, wie er wieder irgendwohin verschwindet. In Gedanken gehe ich noch einmal die letzten Sätze unserer Unterhaltung durch, aber ich kann nichts finden, was diesen seltsamen Stimmungswechsel ausgelöst haben könnte.
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Ich rutsche unruhig auf meinem Sessel nach vorn. „Leona“ Ihren Namen auszusprechen ist wie eine Folter. So ein schöner Name und doch klingt er aus meinem Mund so zerrissen. „Ich danke dir für diesen wunderschönen Abend. Es hat mich wirklich gefreut dich kennen zu lernen.“ Ihr Gesicht wird plötzlich seltsam dunkel. „Du willst schon gehen?“ Ich schlucke hart und schüttel den Kopf. „Ich gehe nur zur Toilette, aber nur für den Fall, dass du nicht mehr da bist, wenn ich zurückkomme.“ Sie lacht erleichtert auf. „Wenn du keine Stunde brauchst, werde ich mich in der Zwischenzeit wohl nicht in Luft aufgelöst haben.“ Mein Herz rast und ich werde noch nervöser. Sie scheint tatsächlich noch mehr Zeit mit mir verbringen zu wollen. Ohne dass mein Gehirn die Erlaubnis gibt, stellt mein Mund die Frage: „Wirst du auf mich warten?“ Verrückte Wunschträume stürzen in meinem Kopf übereinander und ich muss die Luft anhalten, als sie meine Hand drückt und antwortet: „Na klar.“ Ich schließe kurz die Augen und versuche diesen Augenblick auszukosten, bevor ich aufstehe.
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Dann bedankt er sich für den schönen Abend und mich überfällt plötzlich die Erkenntnis, dass er jetzt gehen wird. Mist, ich hatte wirklich gehofft, unser gemeinsamer Abend wäre noch etwas länger. Was ist nur passiert, dass er so plötzlich und unvermittelt unsere Unterhaltung abbricht, um zu gehen? Was er dann sagt, verstehe ich nicht wirklich. Wieso sollte ich plötzlich verschwinden, während er auf der Toilette ist? Ich würde wirklich gern noch eine Weile mit ihm hier sitzen und reden. Vielleicht wird es ja so kalt, dass ich mich doch noch traue, ihn zu bitten, seinen Arm um mich zu legen. Seine Frage, ob ich auf ihn warten werde, finde ich etwas befremdlich und ich hoffe, er wird nicht eine halbe Stunde brauchen. Eigentlich sind es ja immer die Frauen, die sich Ewigkeiten auf der Toilette aufhalten, aber auch nur, um dort in Ruhe über die Kerle zu quatschen. Natürlich müssen wir Frauen deshalb auch mindestens zu zweit dort hingehen. Ich lächele in mich hinein. Dies ist eine Sache, die wir Mädels den Männern natürlich nie erklären werden.
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Mit einem tiefen Atemzug versuche ich mich für das Kommende zu wappnen und ohne sie noch einmal anzusehen drehe ich mich herum. Ich versuche, wie immer, beim Laufen nicht allzu grotesk auszusehen. Natürlich gelingt das nicht, aber ich will wenigstens ihr Gesicht dabei nicht sehen. Die Vorstellung, wie sie mit entsetztem Blick hinter mir her starrt, dreht mir den Magen um und ich beeile mich, schnell aus ihrem Blickfeld zu verschwinden.
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Als er aufsteht, sehe ich, dass sein rechtes Bein beim Laufen anscheinend ein gewisses Eigenleben entwickeln möchte. Was auch immer die Probleme mit dem Sprechen verursacht, scheint also auch das Laufen zu betreffen. Vielleicht erzählt er mir irgendwann davon, aber das wird wohl nicht heute sein. Mein Blick fällt auf Terry und Max, die sich beinahe gegenseitig auffressen. Ich finde das hier in der Bar äußerst unpassend und bin beinahe froh, als mein Telefon klingelt.
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Als ich wieder aus der Bar auf die Terrasse komme, wird mein Blick magnetisch von unseren Plätzen angezogen. Natürlich ist Leonas Sessel leer. Der kleine Hoffnungsfunke verglüht im Nichts und ich muss mich über meine eigene Naivität wundern. Was habe ich denn erwartet? Habe ich genau das nicht schon zu oft erlebt, als das ich noch an Wunder glauben könnte? Eine kleine Ecke in meinem Herzen hatte offenbar den irren Traum gehabt, es wäre dieses Mal anders. Dumme kleine Ecke, die jetzt schmerzt, als hätte jemand ein Stück herausgeschnitten. Plötzlich bin ich unendlich müde und schleppe mich zum Tisch, um das Geld für die Getränke hinzulegen. Max hat Terry inzwischen auf seinen Schoß gezogen und die beiden sind so sehr in ihre Knutscherei vertieft, dass sie mich gar nicht bemerken. Hart presst sich mein Herz zusammen bei diesem Anblick und ich drehe mich unwirsch zur Straße um. Ich bin noch keine drei Schritte gegangen, da fällt mein Blick auf Leonas Rücken. Sie steht mit dem Telefon am Ohr auf der anderen Straßenseite und schaut über das Wasser. Wie versteinert bleibe ich stehen und starre sie einfach nur an. Ich will zu ihr hinüber gehen, noch einmal ihre Hand nehmen und mit ihr sprechen, aber sie hat die Bar verlassen und damit deutlich genug ausgedrückt, dass unser gemeinsamer Abend zu Ende ist. Ich starre immer noch, als sie sich plötzlich umdreht und mich direkt ansieht. Sie zuckt förmlich zusammen, als ihr Blick an mir hängen bleibt. „Scheiße, ich kann jetzt nicht quatschen, bis morgen“, höre ich sie ins Telefon sagen, bevor sie auflegt und es einsteckt.
***

Die Nummer meiner Schwester alarmiert mich und ich gehe sofort ran. Hier zwischen all den Leuten kann ich nicht in Ruhe sprechen und so überquere ich die Straße und bleibe drüben kurz stehen, ich komme ja schließlich gleich zurück. Natürlich befürchte ich direkt das Schlimmste, weil meine Schwester anruft, obwohl ich doch heute Nachmittag erst bei ihr war. Sie beruhigt mich, dass sie eigentlich nur ein wenig Quatschen wollte, weil ihr langweilig ist. Ich lasse meinen Blick über das vom Sternenhimmel beschienene Wasser gleiten und bin mit meinen Gedanken bei Josh, während sie mir alles Mögliche erzählt. Eine Weile höre ich ihr zu, aber eigentlich möchte ich sie lieber abwimmeln und zu meinem Platz zurückgehen. Ich lache leise in mich hinein, als mir auffällt, dass mein Schwesterherz genauso ohne Punkt und Komma reden kann wie Terry. Ds kommt mir irgendwie bekannt vor, da scheint es ein Muster in meinem Leben zu geben. Zumindest Josh wäre da eine angenehme Abwechslung. Ein warmes Gefühl zieht durch meine Brust, als ich mir vorstelle, wie er mich unerwartet in meinem Buchladen besucht. Quatsch, was fantasiere ich mir jetzt schon wieder zusammen. Das wird niemals passieren. Ich habe ihn doch gerade erst kennen gelernt und was will ein attraktiver Kerl wie Josh schon von einer langweiligen Buchhändlerin. Ich will endlich auflegen und drehe mich zur Bar zurück, als ich ihn plötzlich am Straßenrand stehen sehe. Scheiße, jetzt will er wirklich gehen. Hastig würge ich meine Schwester ab und lege auf, als er sich schon umdreht, um zu verschwinden.
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Ihre Worte treffen mich wie ein Schlag in den Magen. Offensichtlich ist es ihr peinlich, dass ich sie hier noch gesehen habe. Hastig drehe ich mich weg, doch noch bevor ich einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung gemacht habe, spüre ich eine warme Hand auf meinem Arm. „Josh.“ Es ist Leonas Stimme. Mein Herz bleibt stehen und ich bin unfähig mich zu bewegen. „Du willst doch schon gehen?“ Sie steht direkt vor mir und sieht mich mit ihren ungewöhnlichen Augen traurig an.
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Nicht mit mir und nicht ohne einen vernünftigen Abschied. Mir fällt auf, dass ich noch nicht einmal seinen Nachnamen weiß. Schnell renne ich über die Straße und bin mit wenigen Schritten bei ihm. Als ich meine Hand auf seinen Arm lege, durchströmt mich wieder seine Wärme und ich überlege verzweifelt, was ich tun kann, damit er noch eine kleine Weile bleibt. Er wird bestimmt kein Date mit mir wollen, aber vielleicht können wir wenigstens den Abend noch ein wenig ausdehnen.
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Ich verstehe nicht, was passiert, schüttele aber automatisch den Kopf. „Ich dachte, du wärst weg“, kommt von ganz allein aus meinem Mund. Seit wann fallen Worte einfach so aus mir heraus, ohne dass es eine enorme Willenskraft erfordert? Sie sieht mich verständnislos an. „Meine Schwester hat angerufen, aber es war nicht wirklich wichtig. Entschuldige. Ich hatte dir doch versprochen, zu warten, da hau ich doch nicht ohne ein Wort ab.“ Inzwischen hat mein Herz weiter geschlagen und dröhnt jetzt in meinen Ohren. Meine Kehle ist trocken und wieder einmal sind sämtliche Worte aus meinem Kopf verschwunden. Ihre Hand liegt immer noch auf meinem Arm und sie sieht mich an, als ob sie eine Antwort erwarte, auf eine irgendeine Frage, die ich nicht verstanden habe.
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Er sieht mich mit einem seltsam verwirrten Gesichtsausdruck an, bevor er den Satz sagt, der mich beinahe aus den Schuhen haut. Er dachte ich wäre weg? Wie kommt er auf den Gedanken, ich würde mich einfach so, ohne Abschied aus dem Staub machen? Es schockiert mich und macht mich zugleich traurig, dass er so etwas von mir denkt. Ok, immerhin war mein Platz leer, als er zurückkam und wahrscheinlich hatte er mich auf der anderen Straßenseite zuerst nicht gesehen. Hastig entschuldige ich mein scheinbares Verschwinden und erkläre, dass meine Schwester angerufen hat. Wir stehen hier mitten auf dem Bürgersteig und keiner sagt etwas. Mein Mut sinkt inzwischen wieder und mir wird klar, dass ich mich jetzt wohl verabschieden muss.
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Die Tatsache, dass sie hier vor mir steht und mit mir spricht, trotz allem, überwältigt mich. Ich will sie fest an mich drücken und noch bevor ich den Gedanken als vollkommen irre verworfen habe, reagiert mein Körper auf die Idee. Meine Hand zittert, als ich sie zuerst nur auf ihre Schulter lege, und sie dann sehr vorsichtig zu mir heranziehe. Sie schließt plötzlich beide Arme um meinen Rücken und in der Wärme ihrer Umarmung werde ich mitgerissen von einem Strudel aus Glück und Unsicherheit. „Danke“, flüstere ich in ihre Haare und drücke ihren unglaublich warmen Körper gegen meine Brust. Für einen unendlich langen Moment genieße ich einfach nur ihre Berührung und versuche, an nichts Anderes zu denken.
***

Gerade als ich Luft holen will, um das zu tun, spüre ich seine Hand auf meiner Schulter. Zögerlich gleitet sie zu meinem Rücken, als er mich in den Arm nimmt und sein Gesicht in meine Haare drückt. Ich bin von dieser unerwarteten Umarmung völlig überwältigt und schlinge meine Arme um seinen muskulösen Rücken. Er bedankt sich bei mir und kurz flackert wieder der Verdacht auf, dass das hier ein Abschied sein soll. Andrerseits ist seine Umarmung viel zu kräftig und die Art, wie er mich an sich drückt, lässt mich eher an Festhalten und weniger an Weggehen denken. Meine Hände streichen über sein Shirt und fühlen die Muskeln, die sich darunter deutlich abzeichnen.
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Mit einem Schlag wird mir bewusst, wie sehr mein Körper auf ihre Nähe reagiert und es wäre mir unendlich peinlich, wenn sie das auch merken würde. Daher reiße ich mich zusammen und lasse sie widerstrebend los. Fast augenblicklich spüre ich die Kühle der Nacht auf meiner Haut und sehne mich schon wieder nach ihren Armen. Als mein Blick auf ihre Lippen fällt, schießt ein so heißer Stoß aus Verlangen durch mich hindurch, dass mir fast die Luft wegbleibt. Sie sieht zu mir hoch und ich weiß genau, dass meine Augen mich in diesem Moment verraten.
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Ich spüre, wie er sich anspannt und höre, dass seine Atmung deutlich stärker wird. Verwundert stelle ich fest, dass diese spontane Umarmung auch in mir viel mehr auslöst, als ich für möglich gehalten hatte. Ich möchte vollständig in seinen starken Armen versinken und ihn nie wieder loslassen. Leider lässt der Druck seiner Arme nach und er löst sich von mir. Ich versuche in der Dunkelheit sein Gesicht zu lesen und sehe Leidenschaft und Begehren, was mich einigermaßen überrascht. Insgeheim bin ich sehr froh, dass er etwas Ähnliches empfindet, wie ich.
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Weil ich den heißen Drang, sie zu küssen kaum noch unterdrücken kann, entferne ich mich vorsichtshalber einen halben Schritt von ihr. Sie lächelt und mir wird plötzlich wieder furchtbar heiß.“ Wollen wir uns unten am Wasser noch hinsetzen?“ Da sich in meinem Kopf alles zu drehen scheint, kann ich nur noch wortlos nicken und ich fürchte, mein Grinsen sieht jetzt wirklich ein wenig dämlich aus. Wir überqueren die Straße wieder und sehen, dass direkt hier einige Stufen hinunter zum Wasser führen. Unten  sehe ich eine Bank, die sich mit dem Rücken an die Kaimauer schmiegt und weit genug von der Treppe entfernt ist. Dort nehmen wir Platz und ich stelle fest, dass die Geräusche der Straße uns hier unten kaum erreichen. Einen Moment sitzen wir nur da und sehen auf das Wasser hinaus, dann dreht sie sich zu mir herum.
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Ich muss ihn unbedingt küssen, aber hier oben in dem ganzen Trubel fühle ich mich schrecklich beobachtet. Also schlage ich vor, dass wir uns unten am Wasser noch hinsetzen. Als er zustimmt, macht mein Herz einen kleinen Freudensprung und ich flechte wieder meine Finger in seine. Eigentlich bin ich gar nicht so mutig, aber die Umarmung hat mich ganz konfus gemacht. Wir gehen händchenhaltend über die Straße und auf der anderen Seite direkt die Treppe hinunter. Als wir unten ankommen, zieht er mich zu einer Bank, die ein wenig versteckt an der Wand steht und wir setzen uns, ohne dass unsere Hände sich verlieren. Hier unten ist es sehr viel leiser, als auf der Straße und mir kommt es so vor, als ob auch die Sterne heller leuchten. Ich muss irgendwie sicher gehen, dass ich ihn wiedersehen werde und überlege fieberhaft, was ich tun kann.
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„Möchtest du mich einmal im Buchladen besuchen?“ Ich nicke wieder schweigend und weiß, dass ich auch schon wieder dämlich grinse. Dann klaube ich alle Worte zusammen, die in meinen leergefegten Kopf noch zu finden sind, um eine ordentliche Antwort zustande zu bringen. „Leona, ich bin sehr glücklich, dass ich dich heute kennengelernt habe. Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir uns öfter sehen könnten. Dein Buchladen interessiert mich sehr und ich würde dich auch gerne mal zum Essen …“ Schon bei den ersten Worten hat sie sich langsam zu mir herüber gelehnt und ihre Wärme bringt schon wieder meinen Puls zum Rasen. Als ihre kleine Hand sich auf mein T-Shirt legt, galoppiert mein Herz endgültig davon.
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Da fällt mir seine Leidenschaft für Bücher wieder ein und sofort lade ich ihn ein, mich im Buchladen zu besuchen. Er scheint über den Vorschlag ehrlich erfreut zu sein und langsam beginne ich, daran zu glauben, dass ich ihn tatsächlich wiedersehen werde. Er sagt mir, wie glücklich er über unser Kennenlernen ist und dass er mich gern öfter treffen würde. Danach sagt er noch mehr, aber zum ersten Mal höre ich ihm nicht mehr zu. Ich muss ihn jetzt sofort küssen und wenn er nichts unternimmt, dann werde ich es eben selbst tun. Langsam beuge ich mich zu ihm hinüber und lege meine Hand an seine Brust. Durch den Stoff spüre ich nicht nur die angespannten Muskeln, sondern auch den harten und schnellen Rhythmus seines Herzens.
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Ihr Gesicht ist meinem jetzt so nah, dass ich ihren Atem spüren kann. Zum ersten Mal lässt sie mich nicht ausreden und ich keuche überrascht auf, als ich ihre Hand in meinem Nacken spüre. Zugleich streift ihr Mund meinen und wie ein Stromschlag fährt ihr leises Seufzen in mich hinein. Jetzt ist es endgültig mit jeglicher Selbstbeherrschung vorbei. Meine Arme umschlingen ihren zarten Körper mit und ich küsse sie voller Sehnsucht und Verlangen. Um sie nicht zu erschrecken, versuche ich mit aller Macht, mich zurückzuhalten, doch als sie meinen Kuss genauso heiß erwidert, entgleitet mir endgültig die Kontrolle. Ich habe das verrückte Gefühl, das mein Selbst sich völlig auflöst in diesem unglaublichen, hingebungsvollen Kuss.
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Plötzlich sind es nur noch wenige Millimeter, die unsere Lippen trennen. Ich halte mich an seiner Schulter fest und ganz von selbst gleitet meine Hand zu seinem Nacken. Dann überbrücke ich den letzten Abstand und meine Lippen berühren seine. Dieser winzige, federleichte Kontakt haut mich derart um, dass sich ein leiser Seufzer aus meinem Mund stiehlt. Im nächsten Augenblick zieht er mich mit seinen kräftigen Armen an sich, dabei küsst er mich so zärtlich, dass mir beinahe schwindlig wird. Erst als ich den Kuss gierig erwidere, beginne ich, seine Kraft und Leidenschaft zu spüren. Mein ganzer Körper zittert, als er mit diesem Kuss mein Herz an sich zieht und ich nicht länger mir selbst gehöre.
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